QUO VADERIS AGRICULTURA?
Diskussion des Textbeitrags "Der Bauer im Global Village" vom Agrarkommissär der E.U. Dipl.-Ing. Dr. Franz Fischler aus der Festbroschüre "Quo vadis agricultura?" anläßlich des 125-jährigen Bestehens der Universität für Bodenkultur herausgegeben vom Absolventenverband der Diplomingenieure für Landwirtschaft im Hinblick auf die Kennzeichen bäuerlicher Wirtschaftsweise:
In der Lehrveranstaltung "Bäuerliche Ökonomie als nachhaltendes Wirtschaften" faßten wir in zwei Wochen Literaturstudium und Diskussion unsere zuvor eher gefühlsmäßige Vorstellung von bäuerlichem Wirtschaften in Worte und Sätze.
Vor allem zwei Begriffe stehen in unmittelbarem Zusammenhang mit unserem Arbeitsgegenstand. Diese sind Nachhaltigkeit und Subsistenzproduktion. Hat man erst den Inhalt dieser beiden Begriffe erfaßt, so versteht man auch, was bäuerliche Ökonomie - im Gegensatz zur industriellen Landwirtschaft - ausmacht. Denn letztere ist weder nachhaltend, noch auf Subsistenz ausgerichtet.Subsistenzproduktion bedeutet, daß der Zweck und das Ergebnis meiner Arbeit, meines Wirtschaftens Leben ist, und nicht Geld, oder die Erzeugung von Mehrwert.
Danach umfaßt Subsistenzproduktion alle Arbeit, die bei der Herstellung und der Erhaltung des unmittelbaren Lebens verausgabt wird und auch diesen unmittelbaren Zweck hat....
... Damit steht der Begriff Subsistenzproduktion im Gegensatz zu Waren- und Mehrwertproduktion. Bei der Subsistenzproduktion ist das Ziel "Leben", bei der Warenproduktion ist das Ziel Geld, das immer mehr Geld "produziert", oder die Akkumulation vom Kapital...
... Nur die Subsistenzproduzenten (Frauen, Bauern) können nämlich Leben schaffen (Menschen, Nahrung, "Glück"), nicht das Kapital. Das sind qualitativ verschiedene Dinge. Die Ware selbst ist tot (Tauschwert), sie kann erst wieder durch Subsistenzarbeit, Lebensarbeit, Hausfrauenarbeit ("Liebe") zum Leben (Gebrauchswert) erweckt werden. (MIES, M. 1988:10)
Beim bäuerlichen Wirtschaften herrscht also eine Ökonomie des Gebrauchs vor. Das beinhaltet auch einen effizienten (im Sinne von nachhaltig) Umgang mit der eigenen Arbeitszeit.Wie Veronika Bennholdt-Thomsen (1990) in diesem Zusammenhang betont, wird das Handeln der Bauernfamilien nicht durch kapitalistisches Gewinnstreben bestimmt, sondern der Arbeitseinsatz wird so bemessen, daß er zur "Befriedigung" ihrer persönlichen Bedürfnisse ausreicht. (GEHLKEN, B. 1995:266)
Das hat zur Konsequenz, daß bei einem höheren Arbeitsertrag, zum Beispiel bei höheren Preisen für die verkauften Produkte, weniger gearbeitet wird, weil die Bedürfnisse sich schneller befriedigen lassen." (SPITTLER, G. 1987:XVI)
Unter "Befriedigung der Bedürfnisse" darf man sich allerdings nicht ein karges, entbehrungsreiches Leben am Existenzminimum vorstellen. Subsistenz bedeutet nicht einfach nacktes "Überleben", sondern "gutes Leben", und das beinhaltet weit mehr als das bloße Erhalten der biologischen Lebensfunktionen.
Es geht um gutes Essen, genußvolles Trinken, um schöne, schmückende Kleidung, um das Haus der Mutter, mitten im Areal der Verwandten, in das Söhne und Töchter immer zurückkehren können; und es geht um Lebensfreude in der Gemeinschaft." (BENNHOLDT-THOMSEN, V. 1994:26)
Nachhaltigkeit ist ein Begriff, der in den letzten Jahren bereits vielfach strapaziert, ja mißbraucht wurde. Ich verstehe unter nachhaltendem Wirtschaften ein kontinuierliches, autonomes Wirtschaften, das auf Traditionen und Erfahrungen aufbaut, deshalb aber nicht auf einem Wissensstand stehen bleibt, das sich am wirtschaftlichen Optimum und nicht am Maximum orientiert, das Ressourcen schont, Risiken minimiert und intergenerativ Verantwortung zeigt.
Autonomie meint selbstbestimmtes Treffen von Entscheidungen, Geringhalten der Abhängigkeit von Markt und Kapital und freie Verfügung über die eigene Arbeitskraft und die eigenen Produktionsmittel.
Auch das erfahrungswissenschaftliche Arbeiten ist ein zentraler Faktor jeder nachhaltend funktionierenden Wirtschaftsform. Dieses – dem Heer der Fortschrittsgläubigen unzeitgemäß erscheinende – Festhalten an Bewährtem hat den Bauern und Bäuerinnen den Ruf eingebracht, rückständig, ja heutzutage gar nicht mehr lebensfähig zu sein. Dabei hat gerade dieses Wertschätzen von Erfahrungen und das Mißtrauen gegen plötzlich von sogenannten Experten hochgepriesene Entwicklungen und Neuerscheinungen die Bauern über Jahrtausende zu einer "Klasse der Überlebenden" gemacht. (vgl. BERGER, J. 1992)
Dazu beigetragen hat ohne Zweifel auch die Bestrebung, optimal mit den Produktionsmitteln umzugehen und nicht nur kurzfristige Gewinnmaximierung im Auge zu haben, wie es Kennzeichen von Industrie und Kapitalismus ist. Die kapitalistisch - ökonomische Vernunft folgt dem Prinzip des "immer mehr". Grenzenloses Wachstum ist der Natur jedoch unbekannt, und so kann dieses blindwütige Erzwingen von positiven Wirtschaftsstatistiken nur durch Ausbeutung und Zerstörung noch eine Weile aufrechterhalten werden."Das Eigentümliche der quantitativen Bemessung ist nun, daß sie kein Prinzip von Selbstbegrenzung zuläßt. Ihr ist nicht nur die Kategorie de Genug fremd, sondern auch jene des Zuviel. Keine Menge kann, sobald sie zur Bemessung einer Leistung dient, zu groß sein; kein Unternehmer kann zuviel Geld verdienen, und kein Arbeiter kann zu produktiv sein. Indem sie alles quantifiziert, um alles berechenbar zu machen, vernichtet die ökonomische Rationalisierung somit jedes Kriterium, das es ermöglicht, sich zufrieden zu geben mit dem was man hatte, was man gemacht hatte oder sich zu tun vornahm." (GORZ, A. 1989:163)
Subsistenzproduktion, nachhaltendes Wirtschaften und das Arbeiten mit mehreren Standbeinen minimiert Risiken und garantiert auch den kommenden Generationen eine funktionierende Lebensgrundlage.
Die heute immer weiter um sich greifende und von allerhöchster Stelle propagierte Form der Landwirtschaft hat mit der hier beschriebenen bäuerlichen Ökonomie nicht mehr viel gemein. Wir haben sie in unserer Diskussion "industrielle Landwirtschaft" oder "Agroindustrie" genannt.
Sigmar Groeneveld beschreibt sie folgendermaßen:" Landwirtschaft‘ ist ein Begriff der klassischen Volkswirtschaftslehre. ‚Landwirtschaft‘ ist einer von mehreren Wirtschaftssektoren. In ihm werden vorwiegend landwirtschaftliche Produkte erzeugt. Charakteristisches Merkmal dieses Produktionsprozesses ist der Boden als ‚Produktionsfaktor‘. Zusammen mit den Produktionsfaktoren ‚Arbeit‘ und ‚Kapital‘ kommt es zur landwirtschaftlichen Produktion. In landwirtschaftlichen Betrieben werden also Waren für Märkte hergestellt. Landwirtschaft ist weithin zu einer ‚Industrie‘ geworden. Auf Märkten herrscht Wettbewerb. Folgerichtig herrschen Sachzwänge zur Arbeitsteilung, zu Spezialisierungen. Auf der Suche nach kostengünstigster Allokation der Produktionsfaktoren kommt es im Zuge ‚notwendiger‘ Modernisierungs- und Anpassungsprozesse letztendlich fast immer zu kapitalintensiver und stark chemotechnischer Landbewirtschaftung." (GROENEVELD, S. 1984:33)
Aufbauend auf diese Erkenntnisse will ich nun versuchen, die Vorstellungen von moderner Landwirtschaft, wie sie heute propagiert wird und Prognosen für ihre (gewünschte) zukünftige Entwicklung auf ihre Grundsätze und Absichten hin zu durchleuchten. Was würde sich dazu besser eigenen, als der Beitrag des Agrarkommissärs der E.U. zur Festbroschüre anläßlich des 125-jährigen Bestehens der Universität für Bodenkultur mit dem bezeichnenden Titel "Quo vadis agricultura?". Im Zuge meiner Arbeit hat sich diese Frage für mich immer mehr zu einem (grammatikalisch nicht ganz korrektem) Passiv gewandelt.
Dr. Fischler geht einleitend auf einen scheinbar paradoxen gesellschaftlichen Trend ein. Er verwendet die Gegensatzpaare "Globalisierung – Heimatbedürfnis", "weltweite Vernetzung – Isolation", "neue Arbeitsplätze – Beschäftigungsproblem", "technische Machbarkeit – gesellschaftliche Werte". Doch seine Ausführungen sind an dieser Stelle nur oberflächlich. Die Überlegungen treffen nicht den Kern des Problems. Was hier eigentlich deutlich werden sollte sind nicht gegensätzliche Tendenzen in der Gesellschaft, sondern die existenzbedrohenden Auswirkungen eines Wirtschaftssystems. Globalisierung, weltweite Vernetzung und Arbeitsteilung, sowie der Glaube an die unbegrenzte technische Machbarkeit sind Erscheinungen einer allumfassenden, kapitalorientierten, mehrwertsüchtigen Wirtschaft, für die der Mensch nur als Arbeiter oder als Konsument von Bedeutung ist. Wenn dieser Mensch dann ein vermehrtes Heimatbedürfnis entwickelt, in (wohl kaum freiwillig gewählte – denn wählen setzt Wahlmöglichkeiten voraus - ) Isolation getrieben wird und durch Rationalisierungsmaßnahmen und Konkurrenzdruck aus der Gruppe der "Beschäftigten" hinausgedrängt und damit zum "Problem" wird, dann ist das bestimmt kein gegensätzlicher Trend zum oben beschriebenen, sondern eine absehbare Konsequenz eines falschen Ökonomieverständnisses. Und dann hilft es auch gar nichts, wenn "Moral und Umweltverträglichkeit" diese Entwicklungen "in Frage stellen", denn daß gesellschaftliche Werte nicht in der Lage sind, Mehrwert zu produzieren, steht wohl außer Frage. Somit sind sie für die Allmacht Kapital nicht von Bedeutung.
Erst auf den zweiten Blick erkennbar ist auch die Wertung die Dr. Fischler den von ihm verwendeten begrifflichen Gegensatzpaaren gibt. Daß "Isolation" und "Beschäftigungsproblem" negativ besetzt sind, ist noch für jeden zu erkennen. Der stilistische Aufbau seines Vergleichs stellt allerdings auch "Heimatbedürfnis" und "gesellschaftliche Werte" auf die negative Seite. Da das Gegenteil von negativ angeblich immer positiv ist, stehen also "Globalisierung", "Vernetzung", "Arbeitsplätze (derzeit europaweit ja der Inbegriff alles Positiven) – und "technische Machbarkeit" auf der "Seite des Guten". Damit ist auch klar, was für die Zukunft der Landwirtschaft vorgesehen ist.
Dieser oben beschriebenen Ökonomie sollen sich also auch die Bauern und Bäuerinnen anpassen, mit der Begründung, daß sie sonst nicht mehr überlebensfähig sind. Die staatlich geförderte "Anpassungs- und Entwicklungshilfe" soll nun folgendermaßen aussehen:
Da der Preis für herkömmliche landwirtschaftliche Produkte nicht mehr ausreicht ein akzeptables Ein- bzw. Auskommen zu sichern, sollen Kulturlandschaftspflege, Beiträge zum Umweltschutz und Rohstoffproduktion entgolten werden. Auf den ersten Blick erscheint dies als eine gute Möglichkeit, den Bauern wirtschaftliche Sicherheit durch mehrere Standbeine zu gewährleisten und die Anerkennung in der Gesellschaft zu erhöhen. Die Betrachtung der "Landwirtschaft als reine Produktionsmaschinerie" wird dadurch jedoch nicht entkräftet.
Im Gegenteil! Durch eine derartige Ausweitung der gesellschaftlich geforderten (!) und bezahlten landwirtschaftlichen Leistungen dringt die Produktionsmaschinerie nur noch tiefer in die bäuerliche Ökonomie ein, und die Abhängigkeit vom Markt weitet sich aus. Anstatt autonomer, erfahrungswissenschaftlich und nachhaltend wirtschaftender Bauern gibt es dann nebeneinander (und aneinander vorbei) arbeitende Umweltschützer, Nahrungsmittel-, Rohstoff- und Kulturlandschaftsproduzenten, deren Handeln und Entscheiden marktabhängig erfolgt.Sobald man aber aus den Augen verliert, daß Landnutzung und Landschaft einander unmittelbar bedingen, nicht trennbar sind, geht auch das notwendige Erfahrungswissen über diese Zusammenhänge verloren.
"Die Kulturlandschaft ist aber nicht nur Grundlage, sondern auch Ergebnis bäuerlicher Produktion. D. h. über Generationen investierte Arbeit verleiht der Landschaft das aktuelle Erscheinungsbild." (SCHMIDTHALER, M. 1997:17)Es folgt nun endlich eine Passage im Text von Dr. Fischler mit der ich mich identifizieren kann, die anscheinend bäuerlicher Ökonomie eine Chance, ja eine Garantie für die Zukunft ausspricht.
"Zukunftssicherheit kann nur in dem Bewußtsein entstehen, daß agrarische Leistungen nicht substituierbar, nicht transferierbar und vor allem nicht unökonomisch sind. Daraus leitet sich ab, daß die Landwirtschaft unverzichtbar ist. Das ist ihre wirkliche Zukunftsgarantie." (FISCHLER, F. 1997:118)Das Vertrauen in die politische Vertretung scheint wieder hergestellt. Doch die 180° Drehung folgt auf den Fuß:
"Eine verstärkte Marktorientierung ist der einzige Weg, auf lange Frist nicht vom Moloch Subvention verschlungen zu werden." (ebd.)Damit sind wir wieder voll auf der Linie der industriellen Landwirtschaft. Subsistenz ist hier bestenfalls Nebensache, Nachhaltigkeit ist unrentabel. Und Autonomie? Bedeutet nicht freier Wettbewerb wirklich die Loslösung von staatlichen Stützungen und Subventionen und den damit verbunden Einschränkungen der bäuerlichen Entscheidungsautonomie?
Wieder müssen wir nicht lang auf eine inhaltliche Richtungsänderung warten, denn die Forderung nach Mindeststandards ist nichts anderes als ein erneuter externer Zugriff auf wirtschaftliche Entscheidungsautonomie. Was sich geändert hat, ist nur die Bezeichnung, und nebenbei werden noch in aller Stille Verantwortung Risiko der Produktion zu Lasten der Bauern und Bäuerinnen verschoben. Das Vorhaben, diese Vorschriften weltweit durchzusetzen, darf wohl als unausführbar angesehen werden. Die Produktionsbedingungen in der Landwirtschaft sind schon europaweit nicht vergleichbar, und somit gibt es auch keine Grundlage für international einheitliche und gleichzeitig sinnvoll umsetzbare Regelungen.
Überhaupt kann eine Orientierung an der (konstruierten) Weltwirtschaft für die Landwirtschaft niemals zielführend sein, da der Weltmarktpreis für landwirtschaftliche Produkte kein marktwirtschaftlich entstandener (gar keine Rede von gerechter), sondern ein rein politischer Preis ist.
Das verwendete Bild von der "Durchlüftung der Strukturen" zeigt nur zu deutlich, daß nicht einmal daran gedacht wird, auch nur die geringste "Änderung der Strukturen" herbeizuführen.Der Höhepunkt dieses Beitrags ist meiner Meinung nach jedoch der Satz:
"Weniger die Zahl der Landwirte, sondern vielmehr ein hoher Grad an gesellschaftlich nachgefragten Leistungen ist maßgeblich." (ebd.)Das ist ein Eingeständnis an die (angeblich) vorgezeichnete, unausweichliche Entwicklung des Bauernsterbens und der bedingungslosen Eingliederung in Kapitalismus und Marktwirtschaft. Doch nicht bäuerliche Ökonomie, sondern das widerstandslose Unterordnen unter einen (scheinbaren) Sachzwang ist in Wahrheit rückständig.
"Denn wer über den selbst gezüchteten Moloch ‚Entwicklung‘ nicht mehr selbst entscheiden kann, sondern sich in einer grundsätzlich entschiedenen Situation befindet, ist antiquiert. Hoffnung besteht für ihn wohl nur dann, wenn er aus der sicheren Position des Entschiedenseins heraustritt und sich wieder als entscheidend auf den Weg begibt." (GROENEVELD, S. 1984:189)Auch "Flexibilität" führt nicht zu Autonomie. Es handelt sich nur um ein weiteres, vielstrapaziertes Schlagwort einer ausbeuterischen, allumfassenden Wirtschaftsform.
"Pointiert ausgedrückt, geht es heute um das Individuum, dessen Verwendbarkeit zwar durch ein hohes Ausmaß an Flexibilität/Mobilität charakterisiert ist, das seine intellektuelle Mobilität jedoch nicht dafür verwendet, gesellschaftliche Widersprüche auf ihren begründenden Kern, nämlich darauf, daß das gesamte System der gesellschaftlich organisierten Arbeit primär der Mehrwertproduktion und nicht der Bereitstellung von Waren und Dienstleistungen zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse dient, zu hinterfragen. Flexibel zu sein, meint unter diesen Umständen somit nicht bloß, sich verändernden Arbeitsanforderungen des Beschäftigungssystem anpassen zu können, sondern auch, sich widersprüchlichen Gegebenheiten und Rollenanforderungen des durch Arbeit definierten sozialen Systems ,flexibel anzupassen´, was konkret bedeutet: sie akzeptierend zu ertragen, ohne zu rebellieren. (RIBOLITS, E. 1997:194)
"Gefordert wird die autonom-verzweckt handelnde Person, die sich ganzheitlich der ökonomischen Logik unterordnet und selbst-los dem wirtschaftlichen Nutzen dient." (ebd. 185)
"Attraktivitätssteigerung" und "Entwicklung des ländlichen Raums" kann in diesem Zusammenhang nur eine (sich bereits abzeichnende ) Verstädterung (noch) dörflicher Gebiete meinen. Der gedankliche Hintergrund ist klar. Die Stadt ist attraktiv und modern (gut), das Land ist rückständig und "unterentwickelt" (schlecht). Also muß sich eine externe Macht des ländlichen Raums annehmen, um es zu entwickeln, sprich zu verstädtern.
Der Ausbau des ganzen zu einer "eigenständigen Gemeinschaftspolitik" bedeutet die vollständige Institutionalisierung des Lebens auf dem Land. Unter dem Deckmantel der "Entwicklung" wird mit gönnerhafter Miene der Zugriff auf periphere Regionen organisiert.
"Wenn die Bauern sterben, vergrößern sich die Märkte." (BERGER, J. 1992:288)
Wen wundert es da noch, daß die Eckpfeiler einer solchen Politik "Modernität, Chancengleichheit und Ganzheitlichkeit" heißen und nicht (wie es der bäuerlichen Ökonomie entsprechen würde) "Subsistenz, Nachhaltigkeit und Autonomie"!
Damit wird klar, daß es der Agrarpolitik gar nicht um den Fortbestand der bäuerliche Ökonomie geht. Den Bauern und Bäuerinnen wird eingeimpft, daß ihr Wirtschaften rückständig und nicht überlebensfähig ist. Gleichzeitig mit dieser Herabsetzung überlieferter Werte, werden neue Begriffe, neue Ziele angeboten, die die entstandene Leere füllen sollen. Auf diesem Weg wird eine Gruppe autonom wirtschaftender Menschen zu hilflosen Rädchen in einem unüberschaubaren Wirtschaftssystem "weiterentwickelt".Diese Ausführungen schlußendlich zugleich als "Realutopien" ("Utopie....als unausführbar geltender Plan ohne reale Grundlage – Der kleine DUDEN Fremdwörterbuch 1991) und als Handlungsgrundlage für eine nachhaltige (!) europäische Agrarpolitik zu bezeichnen, läßt auch das letzte Fünkchen Vertrauen in dieselbe verlöschen.
Es ist nur zu wahr, daß die Politik "Weichenstellungen" vornimmt und den "Zug Landwirtschaft" auf vorgegebene Geleise schickt. Doch bäuerliche Ökonomie bedarf keiner Geleise, sie sucht sich selbst den optimalen Weg, mit den naturbürtigen Voraussetzungen nachhaltend zu wirtschaften und dabei gut zu leben.
Auch Sigmar Groeneveld gebraucht das Bild des Zuges:
"Aber ich möchte nicht bequem fahren, nicht auf den Entwicklungszug agrar-industrieller Selbstverständnisse aufspringen. Der Zwang dieser Schienen ist mir zuwider. Ich möchte am Wege bleiben, auf dem Wege sein.." (GROENEVELD, S. 1984:14)
Literaturverzeichnis
BERGER, John: Sauerde. München 1992
FISCHLER, Franz: Der Bauer im Global Village; in: 125 Jahre Universität für Bodenkultur - Quo vadis agricultura?. Wien1997
GEHLKEN, Bernd: Das Grünland und die Bauernwirtschaft; in NB 36 der Kasseler Schule. Kassel 1987
GORZ, André: Kritik der ökonomischen Vernunft. Berlin 1989
GROENEVELD, Sigmar: Agrarberatung und Agrarkultur. Witzenhausen 1984
MIES, Maria: Subsistenzproduktion, Hausfrauisierung, Kolonisierung; in: Die "Subsistenz-Perspektive" – ein Weg ins Freie?. Bad Boll 1988
RIBOLITS, Erich: Die Arbeit hoch?. München Wien 1997
SCHMIDTHALER, Martina: Die Landnutzung im Machland-Süd landschaftsplanerisch betrachtet. Wien 1997
SPITTLER, G.: Tschanjanow und die Theorie der Familienwirtschaft; in: Tschajanow, A.: Die Lehre von der bäuerlichen Wirtschaft (1923). Frankfurt/ New York 1987