Tscho

von: Silke Rosenbüchler

Jedes Jahr verschwinden weltweit etwa 25 vollbesetzte U-Bahnwaggons. Jedesmal der letzte Wagen eines Zuges, jedesmal so vollgestopft, daß nicht einmal mehr eine Sardine darin Platz fände, und immer an der dunkelsten, von keiner Seite einsehbaren Stelle des Tunnels. Die Öffentlichkeit wird nicht darüber informiert, die sich in den Wägen befindlichen Personen sind als vermißt gemeldet. Niemand ahnt, daß zwischen all den verschollenen Menschen der letzten Jahre eine Gemeinsamkeit besteht - welches gleichbleibende Merkmal sollte ein buntgewürfelter Haufen in einem U-Bahnwaggon schon haben? Nicht einmal der Besitz einer Fahrkarte könnte als ausschlaggebendes Bindeglied dienen, und somancher saß zum ersten - und auch zum letzten - Mal in einem derartigen öffentlichen Verkehrsmittel.

Die öffentlichen Verkehrsbetriebe können natürlich nicht zugeben, daß ihnen nach und nach Waggons abhanden kommen. Sie ersetzen sie zähneknirschend durch neue, verbesserte Modelle, für die ein imenser Werbeaufwand betrieben wird. In manchen Ländern allerdings fällt der Verlust von ein, zwei Waggons gar nicht erst auf.

Angeblich entdeckte ein CIA Agent durch Zufall das seltsame Phänomen, einen Monat lang soll er sich ununterbrochen im New Yorker U-Bahnnetz aufgehalten haben, ehe er spurlos verschwand. Andererseits wimmelt es dort vor Ratten und anderem lichtscheuen Gesindel.

Tscho hat auch noch nicht herausgefunden, wohin die Waggons verschüttgehen, aber seine Leute vom Human Security Dienst, kurz HSD, arbeiten hart an der Sache. Tschos Heimat liegt drei Grad links neben dem Sirius und er ist sozusagen mein Agent. Wir kommen im allgemeinen recht gut miteinander aus, obwohl er manchmal seine Besorgnis darüber äußert, daß ich ihn doch noch an die Medizinische Fakultät verkaufe, wo sie unter seinem menschlich aussehenden Tarnanzug einige interessante Überraschungen erleben würden. Da er darauf konditioniert wurde, Menschen zu helfen, ist er mir praktisch wehrlos ausgeliefert.

Es ist schwer zu sagen, ob Tscho wirklich ein ER ist, sein Tarnanzug stellt auf alle Fälle einen männlichen Hominiden dar, ist recht passabel anzusehen und funktioniert in gewissen Dingen hervorragend. Daher habe ich auch beschlossen, ihn bei mir wohnen zu lassen und als meinen Freund auszugeben. Wie er darüber empfindet, ist schwer zu beurteilen, offensichtlich funktioniert sein emotioneller Schaltkreis völlig unterschiedlich von dem eines Menschen, der auf Hormone und ähnliche Chemikalien angewiesen ist. Teuer kommt er nicht, da er sich hauptsächlich von Sonnenenergie ernährt, angeblich funktioniert das bei ihm so ähnlich wie bei Solarzellen. Trinken kann er problemlos. Meinen Freunden habe ich erzählt, daß er eine schwere Lebensmittelallergie habe und sich nur von einem Spezialfraß aus der Tube ernähren könne.

Tscho scheint unser Arrangement zu gefallen, auch wenn er immer wieder darüber redet, was alles passieren könne, wenn ich ihn durch einen Zufall verrate. Keine Angst, beruhige ich ihn dann, solange ich dir nicht den Schädel einhaue und dich aufgeschlitzt auf die Uni bringe, glaubt mir sowieso kein Mensch, was du bist. Anschließend spielen wir in der U-Bahn "Marsmännchenraten", ich zeige dabei unauffällig auf eine Type, die ich für einen Kollegen von ihm halte, und er bestätigt dann meist meinen Verdacht. Diese Übung fällt mir recht leicht, da die meisten der älteren Tarnanzugmodelle oft ausgesprochen grotesk geschnitten sind. Wenn, so argumentiere ich, bei denen niemand auf die Idee kommt, daß diese Herrschaften nicht von dieser Welt sind, dann bist du erst recht sicher.

Wie lange die Leute vom HSD schon unter uns sind habe ich nicht herausbekommen können. Tscho kann mir darüber keine Auskunft geben, da bei ihm Sicherheitsblockaden wirksam werden. Einiges läßt sich auch so zusammenreimen. Da gibt es zum Beispiel die ETs, die der Meinung sind, daß sich eine junge Intelligenz ungestört entwickeln solle, bis sie soweit ist, in den Kosmos vorzudringen. Andere wiederum kümmert es einen Dreck, was wir hier treiben, für die sind wir bloß Spielzeug oder Schlimmeres. Das sind die Typen, die in den UFO- Kults verehrt werden; die anderen, die vom HSD, versuchen, jene von uns fernzuhalten. Offensichtlich waren wir für lange Zeit ohnedies uninteressant, aber die verschwundenen U-Bahnen stimmen bedenklich.

Ich glaube, ich habe noch nicht erzählt, wie ich an Tscho herangekommen bin. Also, ich tanze da vor ein paar Monaten in irgend so einer Disko, und er hängt an der Bar rum und erinnert mich die ganze Zeit an einen Außerirdischen aus einer Fernsehserie. Was er in der Disco überhaupt vorhatte, ist mir schleierhaft, aber offensichtlich wußte er seine freie Zeit nicht anders totzuschlagen. Ich gehe also auf ihn zu und sage: "Hallo, ET, wie wär's mit einem kleinen Tänzchen?" Wieso ich ihn ET nenne, fragt er. "Na, ist doch völlig offensichtlich, daß du nicht von dieser Welt bist. Dein Gang, deine Bewegungen, dein Blick - alles verrät das Außerirdische an dir." Natürlich war das nur eine plumpe Anmache, wie er aber nervös und unsicher wird, merke ich, daß da etwas nicht stimmt. "Du bist doch einer von denen?" bohre ich weiter. Richtig geglaubt habe ich es damals selber noch nicht, aber das Spiel machte mir Spaß.

Außerdem ist mir Tscho, trotz seiner offensichtlichen Gefühllosigkeit, lieber als so ein irdischer Matcho mit Primatenhirn, der entweder ein öder Schlaffi ist oder seinem Alphamännchenkomplex huldigt. Tscho könnte das nicht einmal, selbst wenn er wollte. Tscho übernimmt seinen Anteil an der Hausarbeit, Tscho respektiert meine Gefühle, und Tscho ist wirklich gut gebaut. Sein imitiertes Lustobjekt, wie er es immer nennt, ist irgendwie mit seinem Lustzentrum verbunden, so daß er auch etwas davon hat. Also zumindest in diesem Punkt kann er etwas empfinden.

Gestern hat er zum ersten mal gezeigt, daß er doch soetwas wie Schmerz und Erschütterung spüren kann. Fix und fertig war er, als er nachhause gekommen ist. "Wir haben es endlich herausbekommen", flüsterte er tonlos. "Sie nehmen wirklich nur die allervollsten Bahnwaggons, und dann..." er schüttelte sich, "Dann schweißen sie alle Türen zu und gießen Öl hinein." - "Öl?" - "Öl." - "Aber warum?" - "Um sie in einem Feinkostladen zu verkaufen, als" - er machte eine angewiderte Handbewegung -"als eine Art intergalaktische Ölsardine, mit Haut und Gräten, originalverpackt." Schweigend saßen wir mindestens eine halbe Stunde nebeneinander. Nie wieder, schwor ich, nie wieder würde ich ein überfülltes U-Bahnabteil betreten.


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Datum der letzten Änderung:14.05.2002

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