Die stickige Luft im Koffer ist kaum auszuhalten, noch dazu mit den Armen eng an den Körper gepreßt, die Beine so über den Rumpf geklappt, daß die beturnschuhten Füße neben den Ohren zu liegen kommen. Aber man hat wenigstens seine Ruhe, solange draußen alles still bleibt, ist nichts zu befürchten. Wehe aber, wenn das Getrampel rücksichtsloser Füße erklingt, begleitet vom Gesumm erregter Stimmen! Dann kann es passieren, daß der Koffer aus seinem Winkel hervorgeholt und geöffnet wird. Grell brennt das Licht in den absolute Dunkelheit gewohnten Augen. Grobe Hände zerren gefühllos aus der Beengung, falten die der Bewegung entwöhnten Glieder auseinander, um den verkrampften, steifen Körper auf eine dünne Decke auf dem Fußboden zu werfen, den gnadenlosen Blicken und höhnischen Bemerkungen der Umstehenden hilflos ausgeliefert.
Und dann die immer gleiche, ekelhafte Prozedur: zuerst das Schütteln und Zwicken, die Jacke wird geöffnet, die Kiefer auseinandergedrückt, um den Mundraum auf Erbrochenes zu kontrollieren. Den Kopf zur Seite gedreht, Finger in den Mund, dann die Stirn nach hinten gedrückt und das Unterkiefer nach oben gezerrt. Daumen und Zeigefinger drücken die Nase zusammen - und da kommen sie schon, die widerlichen, weichen Lippen, die sich um den Mund legen, wie ein schleimiger Dichtungsring - damit nur ja nichts von dem stinkenden, widerlichen Atem verloren geht, der einem in die Lunge geblasen wird. Kalte Finger legen sich um den Hals, dann eine harte Handfläche auf das Brustbein, um es rhythmisch einzudrücken - 6, 7 cm tief, manchmal noch fester, und dann wieder der Atem - vier, fünf mal dasselbe Gesicht, dann kommt das nächste, ein Haufen feuchter Münder mit verfaulenden Zähnen, speichelsabbernd - wenigstens legen manche eine Art Plastiktuch über das Gesicht, aber der Atem wird eingeblasen, so will es das Ritual. Und dieses demütigende Abgegriffen werden... einmal sich wehren können, einfach aufstehen können und wegrennen, so wie sie!
Aber schließlich wird man doch wieder zusammengeklappt, in den Koffer gesteckt, lieblos beiseite gestellt. Manchmal wird man auch in Ruhe gelassen oder der Koffer wird bloß an einen anderen Ort geschleppt, hin und her geschüttelt, bis bunte Sterne vor den lichtlosen Augen explodieren...
ER aber ist anders, ganz anders. Schon die Art, wie ER sich meinem Koffer nähert, leise, behutsam, um mich nicht zu erschrecken. Lautlos öffnet ER den Verschluß - im Zimmer ist es dunkel, damit mich kein grelles Licht quälen kann, und vorsichtig, ganz vorsichtig befreit ER meine hilflosen Glieder aus ihrer gequälten Haltung, hält mich sanft im Arm, während ER mich zu einem Sessel trägt - nein, ER legt mich nicht in demütigender Haltung einfach auf den Fußboden, sondern setzt mich auf seinen Schoß, wobei er meinen zu eigenen Bewegungen unfähigen Körper fürsorglich abstützt, sodaß sich unsere Augen in einer Höhe befinden. Dann spricht ER zärtlich zu mir, nennt mich seine Süße und seine Kleine, erzählt mir von seinen Sorgen und Problemen, und davon, daß ihm sonst niemand zuhört. Manchmal sagt ER, daß ich es gut hätte in meinem dunklen, warmen Koffer, wo mich kein Mensch beachtet, und ich nur dazuliegen brauche und meine Ruhe habe und niemand schreie mich an oder mache mir Vorwürfe - und dann weint ER ein bißchen und streicht mit der einen Hand sanft durch mein Haar, mit der anderen nestelt ER an seiner Hose herum. Dann küßt ER mich, immer mit geschlossenen Lippen, angenehm harte, trockene Lippen, nicht nur auf den Mund, auch auf die Wangen, die Augen - es macht mir nichts aus, wenn ER dann seine Hand sanft um meine Brust legt, sie liebkost - ER tut es nicht, um seine üblen Späße mit mir zu treiben, wie die anderen. Schließlich umschließt ER mit seiner warmen, großen Hand zärtlich die meine, und führt sie zu einem Körperglied, das ich außer an ihm noch bei keinem Menschen gesehen habe. Es fühlt sich zugleich hart an und anschmiegsam, lang und dick - unsere Hände umschließen es, und dann bewegt ER sie erst langsam, dann schneller auf und ab, wobei ER ganz außer Atem gerät, und stöhnend ein paar Koseworte stammelt. Es muß sehr anstrengend für ihn sein seinem Schweiß nach zu urteilen.
Wenn ER dann aber eine Art Sekret abgesondert hat, welches ER sofort mit seinem Taschentuch auffängt, beruhigt ER sich wieder. Verschämt versteckt ER das überzählige Glied wieder unter seiner Kleidung, falls nötig, putzt ER noch die letzten Spuren des Sekretes weg. Ich weiß, daß ER sich dieses Körperteils schämt, ER hat es mir oft erzählt, und ER entschuldigt sich auch bei mir, daß ER es mir zeigt - aber das macht nichts.
Eine Weile drückt ER mich noch fest an sich, manchmal versteckt ER dabei den Kopf zwischen meine Brüste und weint ein wenig. Mit einem unendlich liebevollen Kuß verabschiedet ER sich von mir, mach's gut, meine Kleine, paß auf auf dich, dann legt ER mich sorgfältig in meinen Koffer zurück - meinen Sarg, wie ER ihn nennt, und um den ER mich beneidet, und geht so leise weg, wie ER gekommen ist.
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