Vom Fenster des Terrassencafes aus kann mensch weit über die Dächer der Stadt hinweg blicken, so weit, bis das Grau und Rot abgelöst werden durch die von einem vibrierenden Dunstschleier verhüllten, zueinander parallel verlaufenden grünen Linien, die sich noch weit über die die Stadt umgebenden Hügel dahinzogen. Einige, noch entferntere Hügel sind dunkler, fast schwarz. Das muß der Wald sein.
Es ist jedesmal ein kleiner Schock für mich, zu erkennen, daß es außerhalb der vertrauten Häuserschluchten und Asphaltbahnen noch etwas gibt, etwas Fremdes, Feindliches. Die wenigen verstaubten Dekorationsstücke der Parks ängstigen mich kaum. Sie sind zu schwach und vom Hundeurin zu verätzt um Bedrohlichkeit entfalten zu können, und ich komme selten in ihre Nähe, der permanente Kotgestank ist an diesen Orten nicht auszuhalten. Auch die Bäume an den Straßenrändern machen mir nichts aus, harte, ringförmige Eisengitter, die sicher rund um ihren Stamm verankert sind, verhindern, daß sie ihre Wurzeln aus dem Erdreich ziehen und davon laufen können, um ihren Schwestern und Brüdern von Auspuffgestank, von dicken Staubschichten um ihre Blätter und von kleinen, fetten Dackeln zu berichten.
Wann schaut dieser Kellner denn endlich mal in meine Richtung? Ich bin müde und ein klein wenig erschöpft, will mich ausruhen, entspannen. Da ist er ja endlich. Ich bestelle einen Kleinen Braunen mit einem Glas Wasser, hoffe, daß er letzteres nicht vergißt.
Mmmm, Apfelstrudel! Die einzigen Bäume, die ich mag, sind die Obstbäume, Apfelbäume, wie sie hilflos und verkrüppelt an endlos langen, aufgespannten Drähten hängen, mittels Bewässerung und Düngung gezwungen werden, schöne, gleichmäßige, exakt geformte Früchte hervorzubringen, mehr und mehr. Außerdem liebe ich Apfelstrudel mit Schlagsahne.
Zeitweise überlege ich, wie es wäre, frei und unbeschwert dort draußen herumzulaufen, aber bei diesem Gedanken krampft sich jeder Muskel in mir zusammen. Häuser und Gänge und U-Bahntunnel sind meine Welt, der Rest ist mir so unerreichbar fern wie der Mars oder die Sonne. Die Natur mag mich nicht, hat mich verstoßen, mikroskopisch kleine Partikel setzt sie ein, um mich von ihr fern zu halten. Manchmal, wenn mich der Juckreiz besonders quält, nehme ich eine Spraydose und sprühe den Inhalt einfach aus dem Fenster, stelle mir vor, wie die FCKWs höher und höher steigen, hinauf, oben langsam die Ozonschicht zersetzen, bis die UVB-Strahlung die Atmosphäre durchstößt und alles vernichtet, alles was Grün ist und Pollen produzieren kann. Nurmehr das, was sicher in einem Glashaus eingesperrt ist und als Nahrung dienen kann, wird verschont. Und der saure Regen verbrennt alles Lebendige, auf das er trifft, nur eine graubraune Wüste hinterläßt er, eine Staublandschaft, die ich erhobenen Hauptes durchschreiten kann.
"Einen Apfelstrudel bitte, mit Schlagobers, ja?"
Natürlich weiß ich, daß die Nahrungsmittel, die als tiefgekühlte, rechteckige Blocks in einen Topf mit heißem Wasser geworfen werden, irgendwo da draußen wachsen müssen - aber da draußen sollen sie auch bleiben, bis sie in sicheres Eis eingeschlossen werden, ich will nichts damit zu tun haben.
Dieser Juckreiz, schon wieder! Sicherheit zwischen grauen Häuserfassaden, Häuser hingebaut um den freien Raum zwischen den Straßen zu nutzen, damit dort kein Grünzeug aufkommen kann. Das Sekret tröpfelt, rinnt aus der Nase, aus meiner Nase. Kopfweh. Die Wangen heiß und gerötet, ein Druck hinter den Schläfen. Am liebsten graue Wolken über grauen Häusern. Keine Sonne. Kein warmer Tag. Der Winter ist ungefährlich. Pflanzen Bäume Grünzeug Natur Pollenfabriken Biologische Kriegführung Biomasse. Pollenschleudern. Birken. Roggen. Gräser. Blattbehangene Krankmacher. Störfaktoren. Auslöser. Da draußen stehen sie, die Pollenproduzenten, schleudern die winzigkleinen Partikel in den Wind nicht nur um Sex miteinander zu machen. Wir haben unseren Spaß und du leidest darunter, rauschte es in den Blättern. Dieses ungesunde, kranke Grün. Fest im Saft stehendes Leben, während ich unter Niesanfällen halb krepiere. Aber wartet bis der Winter kommt. Zugetrampelte Flächen im Park, das Blattwerk unter einer Staubschicht verborgen. Mit Genugtuung betrachtet. Wir haben Geiseln hier. Staubbeutel. Kleine, gelbe Staubbeutel. Der Gaumen von der Zunge wundgerieben. Antihistamin. Der Rest des Körpers ist nur mehr dazu da, den juckenden, niesenden, schmerzenden Kopf in die Sicherheit eines abgedunkelten Raumes zu bringen, ein Tuch unter die Nase zu halten und die Augen zu reiben, was kurzfristig Erleichterung verschafft. Manchmal bekomme ich einen richtigen Schnupfen, dann habe ich eine Zeitlang Ruhe.
Wenn du eine Birke siehst, erschieß sie.
Gedankenverloren drücke ich eine kleine, weiße Kapsel aus ihrer Umhüllung, um sie mit zwei Schluck Kaffee hinunterzuspülen. Die Kapseln sind gegen das Jucken und Brennen im Rachen, in der Nase und in den Augen, Tropfen, die ich immer griffbereit halte, kämpfen den wäßrigen Schleim zurück, der ununterbrochen zu dieser Jahreszeit aus meiner Nase fließt. Der Schleim und das Niesen stören mich weniger - es ist das Jucken und Brennen, welches mich fast um den Verstand bringt.
Psychisch bedingt?
Wenn ich versuche, an früher zu denken, sehe ich immer ein bestimmtes Bild vor mir, ein kleines Mädchen in einem roten Auto, welches auf einem Feldweg geparkt ist, kein Asphalt weit und breit, nur der aus Traktorspuren bestehende Weg und lange, wogende Halme rundherum. Am Horizont verschwinden gerade ein paar lachende, bunte Punkte. Das Mädchen liegt am Rücksitz des Autos, umgeben von feuchten zerknüllten Papiertaschentüchern, die Augen rot und fast zugeschwollen, nicht einmal ein nasses Tuch ist da, um den Juckreiz zu lindern. Das Mädchen traut sich nicht, die Augen zu reiben, es hat Angst, die Hände auf den Rücken gebunden zu kriegen, sodaß es keine Möglichkeit hat, sich den langsam über ihr Gesicht rinnenden Rotz abzuwischen.
Die grüne Stille rundherum, das beängstigende Zirpen der Grillen, kein menschlicher Laut mehr zu hören, nicht einmal entferntes Motorengeräusch. Vielleicht ist sie der letzte Mensch auf dieser Welt, verschont geblieben durch das schützende Blech des Autos, an das sie sich nicht herantrauen, alles andere haben sie verschluckt und zersetzt und sie wird hier drinnen verhungern und verdursten.
Ich lehne mich zurück und genieße die angenehm dämpfende Wirkung der Pille. Sie macht mich ein klein wenig träge, ein klein wenig schläfrig. Angenehm. Ah, der Apfelstrudel.
Ich weiß nicht, ob das einmal passiert ist oder öfter, ich weiß nicht einmal mehr, ob die zurückgebundenen Hände eine bloße Drohung oder bittere Realität waren. Ich sehe das Bild von außen, von einem um das Auto schwebenden Standpunkt aus, und nicht aus der Sicht des Mädchens. Vielleicht ist alles auch nur ein böser Traum, ich kann mich nicht erinnern, jemals weiter als bis zu den Vororten der Stadt gekommen zu sein.
Die Pause hat mir gut getan. Ein letzter Blick zu dem dunklen Streife am Horizont, weit, weit hinter den Hügeln - "Zahlen, bitte!"
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