


Unter dem Arbeitstitel "Die Landschaft der Zukunft" habe ich im Wintersemester 96/97 eine Dissertation an der Universität für Bodenkultur in Wien begonnen. Diese Arbeit wird von Herrn Prof. Hermann Schacht, Institut für Freiraumgestaltung und Landschaftspflege, betreut. Der folgende Text, geschrieben im September 1997, bringt einen kurzen Zwischenbericht über den derzeitigen Stand meiner Arbeit. Der Redaktionsschluß für mein Schreibexperiment ist der 31.Jänner 1998, die hier vorgestellten "Ergebnisse" stellen daher nur die wichtigsten Trends dar, eine genauere Auswertung wird im Februar 1998 erfolgen.
Eine meiner liebsten Veranstaltungen während meines Studiums war das Diplomandenseminar. Was wurde da nicht alles diskutiert: Sind Kopfweiden ein wichtiges Landschaftselement, oder bloß Baumquälerei? Wer soll die Bauern bezahlen, wenn deren Höfe unrentabel geworden sind, sie diese aber als "Landschaftspfleger" weiter bewirtschaften sollen? Welche Rolle können Golfplätze für den Naturschutz spielen?
Eine Frage begann mich immer mehr zu beschäftigen: Was erwarteten die Menschen von uns Landschaftsplanerinnen und -planern? Welche langfristigen Ziele sollen wir anstreben? Bevor ich jemanden entscheiden lasse, wie seine Umwelt gestaltet werden soll, muß ich ihr oder ihm aber erst vor Augen führen, welche Möglichkeiten dafür offen stehen. Ich muß wissen, welche Veränderungen, welche Gestaltungen der Landschaft überhaupt denkbar sind.
Das ist die Aufgabe, die ich mir in dieser Arbeit gestellt habe. Eine Übersicht über futuristische Landschaftsphantasien zu geben. Nicht nur über die erträumten neuen Gärten Eden, sondern auch über die gefürchteten Höllen, in die der Mensch die Erde verwandeln könnte. Wir müssen uns auch bewußt machen, welche Entwicklungen wir zu verhindern haben.
Wenn Sie, liebe Leserin, lieber Leser, nach der Lektüre dieser Arbeit die Landschaft ihrer Heimat wieder bewußter erleben, sich Gedanken darüber machen, wie sich diese in ferner Zukunft aussehen könnten, und welchen Anteil Sie an dieser Entwicklung haben, dann habe ich mein Ziel erreicht.
Noch ein kurzer Hinweis: Auf die umstrittene Definition des Wortes "Landschaft" möchte ich in diesem Zwischenbericht vorläufig verzichten. "Landschaft" wird hier in dem Kontext gebraucht, auf den wir uns im allgemeinen Sprachgebrauch stillschweigend geeinigt haben.
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Meine erste Idee war, erdbezogene Science Fiction Romane auf Landschaftsbeschreibungen durchzulesen und diese in meiner Arbeit zusammengefaßt vorzustellen. Die Fülle an Literatur, die dafür in Frage käme, wäre jedoch für mich allein nicht zu bewältigen gewesen. Es galt daher, Schwerpunkte zu setzen: Zum einen möcht ich vor allem die Werke österreichischer Autorinnen und Autoren berücksichtigen. Ferner versuche ich, für meine Arbeit besonders interessante und wichtige Werke ausländischer Autoren zu finden, wie z.B. "Die Zeitmaschine" von H. G. Wells oder "Karneval der Alligatoren" von J. G. Ballard. Als drittes Standbein dienen mir jene Geschichten und Romane, die mir der Zufall in die Hände spielte und mit deren Hilfe ich hoffe, ein "Gespür" für die verschiedenen Richtungen zu entwickeln, in denen das Thema "Landschaft in der Zukunft" abgehandelt wird. Ich möchte betonen, daß keines dieser Schwerpunktthemen den Anspruch auf Vollständigkeit erheben kann.
Um möglichst viele österreichische Autorinnen und Autoren in meine Arbeit mit einbeziehen zu können, beschloß ich, diese direkt um einen Beitrag für meine Arbeit zu bitten. Daraus entwickelte sich die Idee mit dem Schreibexperiment, welches ich im nächsten Abschnitt kurz erläutern möchte.
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"Ich möchte Sie jetzt auf eine Reise einladen..." So beginnt der Meditationstext, den ich für das Schreibexperiment entwickelt habe. Die Reise führt die Teilnehmenden weit in die Zukunft: in das Jahr 2500. "Warum so weit in die Zukunft?" , werde ich immer wieder gefragt. Die Antwort ist einfach: damit die Teilnehmenden weiter und freier denken, über die möglichen Entwicklungen in den nächsten 20, 30 Jahren hinaus. Um ihnen mehr schöpferischen Freiraum zu geben. In 500 Jahren kann sehr viel passieren, tatsächlich wird in mehreren Texten erwähnt, daß nach einer großen Katastrophe die Menschheit endlich zur Besinnung gelangt ist und einen Weg gefunden hat, mit der Natur wieder im Einklang zu leben.
Für die Meditationsübung eignen sich vor allem Schreibgruppen, aber auch einige Schulklassen haben sich dankenswerter Weise daran beteiligt. Um Gruppen zu finden, die sich an meinem Schreibexperiment beteiligen wollen, schrieb ich die Schreibkursleiterinnen und -leiter der Wiener Volkshochschulen an. Ferner bat ich einige Bekannte um ihre Unterstützung, von denen ich wußte, daß sie sich gelegentlich in Schreibgruppen trafen. Zudem erklärten sich einige Autorenzeitschriften bereit, ein diesbezügliches Inserat zu veröffentlichen.
Die Meditationsübung hat nicht nur die Aufgabe, die Kreativität der Teilnehmenden anzuregen. Bei meinem ersten Versuch bat ich die Gruppe einfach, mir auf die Rückseite des Fragebogens ihre Vorstellungen einer Zukunftslandschaft aufzuschreiben. Sogleich meldete sich eine Dame mit den Worten, daß es in 500 Jahren ohnehin keine Landschaft mehr gebe, geschweige denn Menschen, die diese Landschaft bevölkern. Bald war eine rege "Weltuntergangsdiskussion" im Gange. Die Texte, die ich anschließend erhielt, waren alle ausnahmslos negativ gestimmt. Ganz abgesehen davon, daß die meisten über den Verfall der Menschheit berichteten und nicht über die Entwicklung der Landschaft.
In der nächsten Schreibgruppe begann ich nach einigen einführenden Worten mit der geführten Meditation. Fragen würden im Anschluß an die Übung beantwortet werden. Auf diese Weise umging ich die gefürchtete Diskussion, in der die Teilnehmenden einander beeinflussen würden. Die Texte, die in dieser Sitzung entstanden, waren weitaus vielfältiger als die der ersten Gruppe. Auch hatte ich den Eindruck, daß es den Teilnehmenden nach der Meditation leichter fiel, über eine Zukunftslandschaft zu schreiben. Eine Bestätigung für meine Vorgehensweise fand ich in Ulrike Unterbruners Arbeit "Umweltangst - Umwelterziehung". Sie benutz eine ähnliche Übung, um die Zukunftsängste von Schulkindern zu untersuchen.
Einige Gruppen wollten sich zwar an dem Experiment beteiligen, zogen es aber vor, unter sich zu bleiben. In diesem Fall sendete ich der Gruppenleiterin / dem Gruppenleiter den Meditationstext mit einer kurzen Erläuterung meiner Arbeit.
Wie bereits oben erwähnt, habe ich in einigen Zeitschriften auf mein Schreibexperiment aufmerksam gemacht. Ich suchte aber nicht nur Gruppen, die sich auf die Meditationsübung einlassen wollten, sondern auch Einzelpersonen, die sich an meinem Experiment beteiligen wollten. Den Interessierten schickte ich meinen Fragebogen sowie eine kurze Erklärung, worum es bei meiner Arbeit geht mit der Bitte um ihre Mithilfe. Auch Hinweise auf interessante Literatur waren mir willkommen. Leider erhielt ich nicht viele Rückmeldungen, was wohl darauf zurückzuführen ist, daß ich weder die besten Texte prämieren noch zusammengefaßt in einer Anthologie veröffentlichen kann. An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an alle, die sich trotzdem die Mühe gemacht haben, mir zu schreiben! Mein Dank gilt selbstverständlich auch allen anderen, die sich an meinem Experiment beteiligt haben.
Am 30. 8. 1997 kam ich auf folgenden Stand:
Tabelle: Anzahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer nach Gruppen
| Gruppen | weiblich | männlich | k. A. | gesamt |
| Schreibgruppen | 71 | 18 | 1 | 90 |
| AutorInnen | 2 | 4 | 0 | 6 |
| Uni | 3 | 4 | 0 | 7 |
| Sonstig | 9 | 11 | 0 | 20 |
| SchülerInnen | 147 | 109 | 94 | 350 |
| gesamt | 232 | 146 | 95 | 473 |
Unter der Rubrik "AutorInnen" sind jene Teilnehmerinnen und Teilnehmer zusammengefaßt, die mir den ausgefüllten Fragebogen mit dem Hinweis auf eines (oder mehrere) ihrer Bücher zurücksandten. "Sonstig" bezieht sich auf alle Beiträge, die weder in einer Schreibgruppe, noch in einer Schulkasse zustande gekommen sind. Eine Schreibübung konnte ich im Rahmen einer Vorlesung durchführen, ferner durfte ich in einem Seminar auf der Germanistik auf mein Experiment hinweisen. Die Beiträge, die ich hierauf erhielt, sind in der Zeile "Uni" vermerkt.
Bemerkenswert ist die hohe Teilname von Schülerinnen und Schülern. Ursprünglich hoffte ich, einige Beiträge von Schulen in Wien (Großstadt), Neunkirchen (Wiener Becken) und St. Johann (Gebirge) zu bekommen, um die Ergebnisse miteinander zu vergleichen. Dank einiger engagierter Lehrkräfte entwickelte die Sache eine unvorhergesehene Eigendynamik, der ich den hohen SchülerInnenanteil verdanke. Die interessantesten Beiträge werde ich sicher für meine Arbeit verwenden, auf eine detaillierter Auswertung kann ich bestenfalls in einigen Exkursen meiner Dissertation eingehen.
Tabelle: Anzahl der Schülerinnen und Schüler, nach Alter geordnet
| Alter | weiblich | männlich | k. A. | gesamt |
| 10 | 11 | 4 | 0 | 15 |
| 11 | 31 | 21 | 0 | 52 |
| 12 | 15 | 11 | 0 | 26 |
| 13 | 35 | 24 | 0 | 59 |
| 14 | 38 | 33 | 0 | 71 |
| 15 | 7 | 9 | 0 | 16 |
| 16 | 9 | 5 | 0 | 14 |
| 17 | 1 | 1 | 0 | 2 |
| 18 | 0 | 1 ? | 0 | 1 |
| k. A. | 0 | 0 | 94 | 94 |
| gesamt | 147 | 109 | 94 | 350 |
| Schulen: | 8 |
| Klassen: | 19 |
| Schreibgruppen: | 12 |
| Autorensolidarität |
| Literatur aus Österreich |
| PEN - Mitteilungsblatt |
| (GAV - Mitteilungsblatt?) |
| MYWAY |
| Aussendung des 1. Wr. Lesetheaters |
| Blick ins Land |
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Welche Landschaften finden die Zeitreisenden vor, wenn sie 500 Jahre in der Zukunft die Transportkapsel verlassen? Vor welchen Kulissen spielen die Heldinnen und Helden der Zukunftsromane? In den folgenden Abschnitten habe ich versucht, die verschiedenen Visionen einigen Grundtypen zuzuordnen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer meines Schreibexperimentes werde ich in den folgenden Abschnitten der Einfachheit halber die "Zeitreisenden" nennen.
3.1. Der Mensch wird eine Wüste hinterlassen...
"Doch eine Küste gab es nicht mehr. Auch das Meer existierte nicht mehr. Nur eine trübe, verwaschene Linie, wo früher Klippen gewesen waren. (...) Eine Düne aus grauer Asche. Die gleiche graue Asche und Schlacke, die hinter ihm lag. Die gleiche graue Asche vor ihm. Feiner grauer Schlamm, in den er bis zum Knie versank; grauer Staub, der bei jeder Bewegung aufwirbelte und Poren und Atemwege verstopfte. Schlackenreste, die in mächtigen Wolken dahinstoben, wenn der Wind hineinblies..."
(Aus: "Adam", von Alfred Bester, 1941, aus dem Amerikanischen von Bodo Baumann, Ullstein Buch Nr. 2773 "Science Fiction Stories 2" By Verlag Ullstein GmbH, Frankfurt/M - Berlin, Wien 1970)
Die oben zitierte Landschaft ist das direkte Ergebnis eines fehlgeschlagenen Versuches mit der Kernenergie. Kein Leben existiert mehr auf der Erde, abgesehen von einem Mann und seinem Hund, die sich zum Zeitpunkt der Katastrophe in der Rakete befunden haben, deren Start die Verwüstung verursacht hat. In moderneren Texten wird weniger die Nutzung der Atomkraft als Ursache für eine allgemeine Verwüstung angegeben, sondern die zunehmende Umweltverschmutzung und -vergiftung, das Ozonloch oder gar eine Klimakatastrophe. Einer der Entwürfe zeigt das wasserreiche Österreich als eine kleine Oase in einem versteppten und verwüsteten Europa.
Andere Texte der Zeitreisenden lassen es im Unklaren, ob die gesamte Welt verwüstet ist, oder nur der Ort, an dem sie gelandet sind. Verwüstet ist das Land zwischen den einzelnen Städten, oder auch nur versteppt, arm an Vegetation. Der Mensch ist mit der Erde zugrunde gegangen, oder er hat besondere Überlebensstrategien entwickelt. Wenn er die Erde nicht wie ein kaputtes Spielzeug zurückgelassen hat, um einen andern Planeten auszubeuten, so hat er sich vielleicht unter die Erdoberfläche zurückgezogen....
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"Die Oberfläche der Erde besteht aus nichts als Staub und Schlamm, nichts könnte dort mehr leben, und du müßtest einen Atemfilter mitnehmen, wenn die Kälte der Außenluft dich nicht umbringen sollte. Man stirbt da draußen an der Außenluft in Nullkommanichts."
(Aus: "Die Maschine stoppt", von E. M. Forster, 1928, aus dem Englischen von Helga und Alexander Schmitz, "Die besten klassischen Science Fiction Geschichten", Diogenes Taschenbuch 1983, ISBN 3257210493)
Es muß aber nicht alles verloren sein, damit der Mensch beginnt, große unterirdische Anlagen zu nutzen. Gelegentlich werden die Fabriksanlagen - samt dem dazugehörenden Personal - unter die Erde verlegt, wie z. B. in "Metropolis" von Thea von Harbou (1926). In der weiteren Entwicklung der Menschheit kann das bösartige Folgen haben, wie wir in "Die Zeitmaschine" von H.G. Wells (1895) nachlesen können: die produktiven, aber unterirdisch lebenden Morlocken kriechen nachts aus den Belüftungsschächten, um den in einer paradiesischen Landschaft lebenden Eloi nachzustellen, die ihnen als Nahrungsmittel dienen.
Auch die "astromentale Gesellschaft" aus Franz Werfels "Stern der Ungeborenen" (1946) hat sich in unterirdische Städte zurückgezogen. Die Erdoberfläche ist von einem "grauen Rasen" bedeckt, der den esoterischen Menschenwesen als Transportmedium dient. Oberirdisch sind solche Wohnstätten an mit seltsamen Pflanzen bewachsenen "Dachgärten" zu erkennen.
Die freundlichere Variante ist jene, in der die Menschen unterirdisch oder in Erdhügel versteckt leben, um die schöne Landschaft nicht durch Hausbauten zu verschandeln. In einem der Texte aus dem Schreibexperiment wird gar die landwirtschaftliche Produktion unter die Erde verlegt, damit oben mehr Platz für Einfamilienhäuser zur Verfügung steht.
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3.3. Leben hinter Glas
"Bald war in jedem Keller eine Maschine untergebracht, die irgend etwas erzeugt, und der Lärm in der Stadt wuchs. Die Bauweise der Wohnungen mußte geändert werden. Die alten Schallisolierungen erwiesen sich immer deutlicher als unzureichend. Kugeln kamen in Mode. Kugeln für Einzelpersonen oder Gruppen, auch das gibt es bei uns. (...) Jedenfalls wohne ich hier, in diesem Dilemma, in einer schallisolierten Glaskugel. Fenster gibt es keine, was sich von selbst versteht. Die einzige Öffnung ist eine Schleusentüre, die von innen und außen in gleicher Weise geöffnet werden kann."
(Aus: Marianne Gruber, "Die gläserne Kugel", 1981, Verlag Styria Graz Wien Köln, ISBN 3222113580)
Das Land hat die Stadt abgekapselt, wie ein Organismus einen Fremdkörper einschließt, damit ihm dieser keinen Schaden zufügen kann. Die Bewohner dieser mit lebensbedrohendem Lärm gefüllten Städte dürfen diese nicht mehr verlassen, die Natur existiert nur mehr in ihren Sagen und Träumen. Gibt es sie wirklich noch, die heile Landschaft?
"Die gläserne Kugel" ist allerdings eine Ausnahme von der Regel. Normalerweise werden eher Städte, Naturschutzparks oder Gemüseäcker unter schützenden Halbkugeln vor einer schädlichen Umwelt in Sicherheit gebracht. Parks, für deren Benutzung die Menschen zahlen müssen, um für wenige Minuten von Atemschutzmasken befreit aufatmen zu dürfen. Luftverschmutzung und Sonneneinstrahlung sollen die gewaltigen Kuppelbauten abwehren, um das Überleben der Menschheit zu sichern. Ich vermute, daß das Projekt "Biosphäre II" die Phantasien in diese Richtung angeregt hat. Aber auch das Meer bleibt nicht verschont: Nachdem sie auf einer endlosen Asphaltfläche zum "Strand" gelangt ist, entdeckt eine der Zeitreisenden, daß selbst das braune, verschmutzte Wasser versiegelt wurde: es brodelt unter einer alles bedeckenden Glasplatte...
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3.4. Verstädterung
"Hier draußen aber, in einem Randbezirk der Stadt, wo sich wunderbarerweise zwischen Kunststoff und Stahl noch ein paar winzige Felder gehalten hatten, gab es wenig Licht. Jack störte das nicht; im Gegenteil - hätte ihn jemand gesehen, wäre sein Tun sicher aufgefallen. Möglicherweise war es sogar verboten, bodenständiges Getreide, sehr kostbar auf der Erde, mitzunehmen. Auch wenn es nur ein Halm war. (...) Verändert hatte sich nicht viel seit seinem letzten Aufenthalt vor achtundzwanzig Jahren (wohin sollte sie auch? Ihre Randzonen waren schon seit Jahrhunderten mit benachbarten Städten verschmolzen und diese wiederum mit ihren Nachbarn. Eine spinnengenetzte, kontinentgroße, spärlich von Grünraum durchbrochene Metropolis überzog das Land)"
(Aus: "Das Whiskysyndrom", von Peter Schattschneider, 1982, suhrkamp taschenbuch 819 "Zeitstopp", Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, ISBN 3518373196900)
Die Stadt hat sich - gleich einem gigantischen Spinnennetz - über den gesamten Kontinent ausgebreitet. Nicht alle Autorinnen und Autoren zeigen so eindeutig auf, daß die Stadt das Land endgültig verdrängt hat. Viele Geschichten spielen in einem städtischen Milieu, ohne daß angedeutet wird, ob es "draußen" noch "Landschaft" gibt oder nur mehr ödes Niemandsland, Grenzgebiet zwischen den betonstarren Metropolen. Graue Häuser, graue Gesichter, keine Pflanzen, dafür Lärm und verpestete Luft: so sehen viele die negative Entwicklung der großen Städte. Meist wird dieses triste Bild mit gewalttätigen, unzufriedenen oder hoffnungslosen Menschen in Zusammenhang gebracht - falls nicht schon längst Außerirdische oder Roboter die Herrschaft an sich gerissen haben.
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"Unter dem Zucken und Wogen, dem Stürze der Licht-Niagaras, unter dem Farbenspiel um sich selbst geschwungener Türme aus Glast und Glanz schien die große Metropolis durchsichtig geworden zu sein. In Kegeln und Würfel zerlegt von den mähenden Sensen der Scheinwerfer, glühten die Häuser, schwebend getürmt, und Licht floß an ihren Flanken herab wie Regen. Die Straßen leckten das glühende Leuchten auf und leuchteten selbst, und was auf ihnen hinglitt in unablässigen Strom, warf Lichtkegel vor sich her."
(Aus: "Metropolis", von Thea von Harbou, 1926, Ullstein Buch 1984 im Verlag Ullstein GmbH, Frankfurt/M-Berlin-Wien, ISBN 3548204473)
Der Geschmack hat sich mit der Zeit gewandelt. Eine Stadt gefällt heute nicht mehr aufgrund ihrer prachtvollen Lichtorgeln, sondern wegen großzügig angelegter Grünanlagen, vielfältigen, freundlichen Bauten und einer zufriedenstellenden Lösung des Verkehrsproblems. Die Stadt der Zukunft, in der die Menschen leben möchten, zeichnet sich durch eine ästhetischen Architektur und einer naturnahen Bauweise aus, solarbetriebene Schwebeautos und weltoffene, freundliche Bewohner. Die Grenzen zum Land sind entweder scharf gezogen oder so fließend, daß der Übergang nicht wahrgenommen werden kann. Interessanter Weise scheinen auch eine Pizerria und ein Eissaloon wichtige Bestandteile einer gut funktionierenden Großstadt zu sein, soferne es die schulpflichtigen Zeitreisenden betrifft. Schule gibt es natürlich auch keine mehr, für die Weiterbildung ist längst der Computer zuständig.
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3.6. Die Natur schlägt zurück
"Bald schon würde es unerträglich heiß sein. Kurz nach acht betrachtet Kerans vom Hotelbalkon aus den Sonnenaufgang - hinter den dichten Dschungeln riesiger Urwaldpflanzen, die sich östlich der Lagune weithin über die Dächer der verlassenen Häuser drängten, kam eben die leuchtende Scheibe empor; selbst die fast undurchdringliche olivgrüne Blätterfront konnte ihre grausame Hitze kaum mäßigen. (...) Kerans lehnte sich über das Geländer - zehn Stockwerke weiter unten reflektierte das Brackwasser seine schmalen, eckigen Schultern und sein hageres Profi. Er blickte auf: Einer der zahllosen Thermalstürme fegte durch eine Gruppe riesenlanger Wedel, die das Rinnsal zwischen Lagune und Meer umstanden"
(Aus: "Karneval der Alligatoren", von J.G. Ballard (1962), deutsche Übersetzung von Inge Wiskott, Heyne-Buch Nr. 33308 im Wilhelm Heyne Verlag, München 1972)
Diese Lagune hieß früher einmal London. Aktivitäten an der Sonnenoberfläche sind schuld daran, daß auf Erden ein Klima herrscht wie zur Zeit der Dinosaurier. Die wenigen überlebenden ("kaum noch fünf Millionen") Menschen haben sich auf die (geschmolzenen) Pole zurückgezogen. Auch die Kontinente haben sich verschoben, "Das Mittelmeer wurde zu einer Gruppe von Binnenseen, die Britischen Inseln waren wieder mit Nordfrankreich verbunden" (ebenda).
Eine ähnlich schlimme Situation beschreibt Gerhard R. Steinhäuser in "Unternehmen Stunde Null 1986" (1975). Diesmal ist eine Umpolung des Erdmagnetfeldes Ursache für tiefgreifenden Veränderungen der Natur. Die Pflanzen beginnen zu wuchern, riesige Ameisen bedrohen die letzten Überlebenden der großen Katastrophe, Wien ist in einer Öllache versunken. Die Menschen, die der nun gefährlichen Sonnenstrahlung ausgesetzt sind, bekommen rote Gesichter, werden verrückt und essen einander auf. Sibirien wird zum gelobten Land, und vielleicht ist alles gar nicht so schlimm, abgesehen davon, daß der Mond langsam beginnt, auf die Erde zu stürzen...
Die Visionen der Zeitreisenden sind nicht gar so kraß. Zumindest was die landschaftlichen Veränderungen betrifft. Die Natur ist wieder gesund geworden, nur der Mensch hat sich - Gott sei Dank! - endlich selbst ausgerottet.
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3.7. Im Paradiesgarten
"Die Welt, die ich über ihre Köpfe hinweg sah - eine verwirrende Fülle schöner Sträucher und Blumen - erinnerte an einen lang vernachlässigten Garten. Ich sah vor allem eine Menge hoher weißer Blumenkerzen, deren wachsige Blütenblätter etwa ein Fuß im Durchmesser maßen. Sie standen verstreut und wie wildgewachsen unter den verschiedenen Sträuchern (...) Unter mir lag das Tal der Themse, durch das sich der Fluß wie ein schimmerndes Stahlband schlängelte. (...) Hier und da ragte eine weiße oder silberne Figur aus dem verwilderten Garten der Erde, hier und da hoben sich die klaren Konturen eines Obelisken oder einer Kuppel gegen den Himmel ab. Es gab keine Hecken, keine Anzeichen von Eigentumsrechten, keine Hinweise auf Ackerbau: die ganze Erde war ein Garten geworden."
(Aus: "Die Zeitmaschine", von H.G. Wells, 1895, aus dem Englischen von Annie Reney und Alexandra Auer, Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH &Co.Kg, München 1996 ISBN 342312234X)
Die ganze Erde war ein Garten geworden. Ein Garten ohne wilde Tiere, ohne lästige Insekten, ohne Krankheitserreger und ohne giftige Früchte. Wells hat weiter gedacht: die Menschen, die in dieser idealen Umgebung leben, sind ewige Kinder. Ohne Herausforderung, ohne die Notwendigkeit, um das Überleben kämpfen zu müssen, verkümmert der Intellekt. Wünschen wir uns wirklich so ein Paradies?
Meine Zeitreisenden stehen eher auf ländliche Idylle. Kleine Dörfer, Bauernhäuser, Pferdegespanne. Die meisten Arbeiten werden händisch gemacht, die Menschen sind glücklich und zufrieden. Nicht alle verzichten auf die Technik. Ein U-Bahnnetz verbindet den Bauernhof diskret mit der Stadt, keine Straßen zerschneiden die Felder, das Vieh freut sich in klassenzimmergroßen Boxen seines Lebens, ohne von Motorgeräuschen aufgescheucht zu werden.
Die jüngeren Damen treffen auf niedliche Haustiere, die gelegentlich sogar sprechen können, Wald, grüne Wiese, Blumen, ein See und natürlich Vögel gehören zur Standardaustattung des Paradieses. Unheimlich wird es erst, wenn sich trotz der idyllischen Geräuschkulisse, die sich - nach einer kurzen Pause - zu wiederholen scheint, keinerlei Tiere zeigen. Und warum ist der See mit Plastik beschichtet...?
Die Idylle ist oft nicht aus einer plötzlichen Einsicht der Menschheit entstanden, sondern als Folge einer großen Katastrophe, die zur Umkehr gezwungen hat. Ein interessantes Gedankenmodell zu diesem Thema findet sich in den "Maerlande Chroniken" von Elisabeth Vonarburg (1992). Nach einer großen Umweltkatastrophe sind weite Teile der Erdoberfläche radioaktiv verseucht, Mutationen gehören zum Alltag. Auch die Männer sind selten geworden, und die "Mütter" stellen regelrechte Zuchtprogramme auf, um das Überleben der Menschheit zu sichern.
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3.8. Cyberworld
"Wie ein Origami-Trick in flüssigem Neon entfaltete sich seine distanzlose Heimat, sein Land, ein transparentes Schachbrett in 3-D, unendlich ausgedehnt. Das innere Auge öffnete sich zur abgestuften, knallroten Pyramide der Eastern Seabord Fission Authority, die leuchtend hinter den grünen Würfeln der Mitsubishi Bank of America aufragte. Hoch oben und sehr weit weg sah er die Spiralarme militärischer Systeme, für immer unerreichbar für ihn"
(Aus: "Neuromancer", von William Gibson, 1984, aus dem Amerikanischen von Reinhard Heinz, Wilhelm Heyne Verlag GmbH & Co.KG, München 1996 ISBN 3453056655)
Noch habe ich nicht sehr viel Material zu diesem Thema gefunden. Die Virtuell Reality als Fluchtweg aus einer zerstörten Landschaft, "Inner Space" als Schauplatz der wahren Abenteuer. Ich werde weitersuchen. Versprochen.
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3.9. Einfach phantastisch
"Er kam an vielen, senkrecht aufragenden Nuse -Türmen vorüber, und er sah mit seinen Fernrohraugen alle Seiten das zwanzig Meilen tiefen Trichters und sah die vielen tiefen Grotten und all die Bergkegel, die vor den Grotteneingängen emporragten, und er sah die unzähligen breiten Brücken, die sich hoch über den Schluchten und Abhängen hinüberspannten zu den anderen Seiten, und er sah auch die vielen künstlichen Kuppeln, die manche Abgründe überwölbten - er sah die Kuppeln alle von oben - und sie waren sämtlich von unten aus von bunten Kristallampen durchleuchtet."
(Aus: "Lesabendio, ein Asteroidenroman", von Paul Scherbart, 1913, SWAN Buch Vertrieb GmbH, Kehl 1994, ISBN 389507033)
Zugegeben: dieser Beitrag ist geschummelt. Beschrieben wird hier keine Erdlandschaft, sondern ein Asteroid, der von seinen Bewohnern ständig umgebaut und neu gestaltet wird. Er steht stellvertretend für alle neuen, überwältigenden Ideen, wie Landschaft gestaltet werden kann. Bis jetzt sind die phantastischsten Ideen - wie z.B. die Alpen zu riesigen Skulpturen von Mozart und Maria Theresia zu meißeln - nur in heiteren Gesprächen am Wirtshaustisch aufgetaucht. Samt einer Erklärung, warum der Stephansdom nicht rosa angemalt werden kann: der Stein muß atmen können.
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3.10. Der Verkehr
"Der dichte, wundersam kurz gehaltene, eisengraue Graswuchs, der den Erdboden ununterbrochen bedeckte, konnte nur auf menschliche Pflanzung und Pflege zurückgeführt werden. Der ganze Umkreis, von Horizont zu Horizont, war gewissermaßen eine Landstraße, eine Straße, anstatt mit Asphalt, mit diesem trauerfarbenen Teppich für Lustwandelnde belegt, eine Straße ohne die leiseste Erinnerung an einen Verkehr und dennoch so, als sei sie irgendeinmal von einem schier unermeßlichen Verkehr verlassen worden, damals, als tausend Reihen von Blitzgefährten nebeneinander in beiden schnurgeraden Richtungen hin und zurück rasten"
(Aus: "Stern der Ungeborenen", von Franz Werfel, 1946, Fischer Taschenbuch Verlag GmbH, Frankfurt am Main 1992, ISBN 3596294614)
Wie F.W. bald erfahren soll, dient dieser eisengraue Rasen tatsächlich als Verkehrsmittel. Das "Nervengras" sorgt dafür, daß sich die Astromentale Gesellschaft mittels eines "Reisegeduldspieles" ohne Zeitverlust von einem Ort an den andern versetzen lassen kann: "Wir bewegen uns, wenn wir reisen, nicht auf das Ziel zu, sonder wir bewegen das Ziel auf uns zu" (ebenda).
Zum Glück wirkt sich der Verkehr selten so dermaßen prägend auf die Landschaft aus wie bei Werfels weltumfassendem Grauen Rasen. Trotzdem stellt er meistens einen wichtigen Punkt in den Berichten der Zeitreisenden dar. Am beliebtesten sind offenbar die Flugautos, die schon in der älteren Literatur ihren fixen Platz haben. Gar nicht zu reden von den schwebenden Skateboards, die eindeutig von dem Film "Zurück in die Zukunft II" inspiriert wurden. (Ein Zeitreisender meinte lakonisch: "In der Zukunft sieht es genau so aus wie in dem Film "Zurück in die Zukunft."". Punkt.) Aber auch fliegende Gondeln wurden gesichtet, zu Förderbändern umfunktionierte Gehsteige oder gar Helme, mit deren Hilfe die Menschen frei fliegen können. Eine junge Dame vergaß ganz ihren Auftrag in der Zukunft und setzte sich kurzerhand in ein Raumschiff, um schnell mal auf dem Mond einen Einkaufsbummel zu machen. Spannend ist eine Andeutung, daß der Verkehr entlang von Leitungsbändern, die die Landschaft netzartig durchziehen, abgewickelt wird. Leider konnte die Forscherin nicht mehr als einen huschenden Schemen erkennen. Zum Nachdenken brachte mich die Idee, den Personenverkehr in Sessellifte zu verlegen. Wenn diese dann computergesteuert....
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4. Die Beziehung Mensch/Landschaft
Eines haben die meisten Texte meiner Zeitreisenden gemeinsam: den Menschen in seiner Beziehung zur Landschaft. In den Abschnitten über zukünftige Städte wurde es bereits angedeutet: öde, graue Häuser, verschmutzte Straßen sind die Kulissen für aggressive oder unzufriedene Menschen, bunte Fassaden, vielfältige Bauweise und vor allem die Einbeziehung von vielen Pflanzungen werden im Zusammenhang mit freundlichen, aufgeschlossenen Menschen beschrieben.
Wie schon im Mittelalter die Künstlerinnen und Künstler die Landschaft als Spiegel der menschlichen Seele verwendet haben, und wie diese Tradition fortgesetzt wurde, ist eine lange Geschichte. Trotzdem hat es mich überrascht, daß auch in meinem Schreibexperiment der Zusammenhang zwischen dem Befinden der Menschen und deren Umgebung so stark herausgestrichen wird. Wie bereits oben erwähnt, beschreiben viele Zeitreisende die Entwicklung der Menschheit ausführlicher als die Veränderungen der Landschaft. Über diesen interessanten Aspekt meiner Arbeit werde ich mir sicher noch weitere Gedanken machen.
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