Der Daumen

von: Silke Rosenbüchler

Das erste, was er fühlte, war Schmerz. Einfach nur Schmerz. Ohne daß er genau sagen konnte, wo genau dieser lokalisiert war. Während der langgedehnten Minuten, in denen er aus den Winkeln seines Gedächtnisses mühsam seine Identität rekonstruierte, wurden auch die Schmerzquellen konkreter. Eine davon war an der Hinterseite seines Schädels, etliche hatten ihre Ursache in Prellungen und Hautabschürfungen, die Fingerspitzen schienen mit einem Reibeisen behandelt worden zu sein, der stärkste Impuls jedoch ging von der rechten Hand aus, an der Stelle, an der - ahh, der Daumen!

Mason setzte sich, schwer atmend und bei jeder neuen Bewegung zuckend, auf, versuchte, sich in seiner Umgebung zurechtzufinden - er rechnete mit weißen Wänden, weißer Tuchent, einer freundlich lächelnden Frau in einer sauberen, weißen Uniform - es mußte Nacht sein, der Dunkelheit nach zu schließen. Bei dem Versuch, sich aufzurichten, begann sich sein Gehirn in einem imaginären Raum zu drehen, Sterne blitzten durch seine Schläfen, etwas streifte seine Wange - wo kam dieser verfluchte Ast her? Die Blätter? Das Gras? War das dort drüben wirklich ein Pfau?

"Du hättest ihn nicht so zurichten dürfen." - "Nicht so zurichten dürfen, Scheiße noch mal, hast du 'nen besseren Vorschlag? Betäubungsspritze oder so? Wo jeder sofort nachprüfen könnte, daß wir die gekauft haben?" - "Vielleicht hätt'n wir ihm 'ne Ladung Hipp in die Venen jagen sollen!" - "Yeah, dann hätte Burschi einen neuen Kunden" - "Keine unnötige Gewalt, haben wir ausgemacht."

Einige Minuten später hatte Mason seine Lage gecheckt. Er saß, mit einer Beule am Hinterkopf, zerschnittenen oder zerstochenen Fingerspitzen, leicht zerschunden und einem verbundenen rechten Daumen inmitten einer Buschgruppe im Park. Fassungslos befühlte er den Stumpen, den er unter den sorgfältig angelegten Mullbinden spüren konnte. Eindeutig: der Daumen war in der Mitte des mittleren Gliedes abgetrennt und darüber feinsäuberlich ein Verband angelegt worden. Weitere fünf Minuten dauerte es, ehe Mason, begleitet von einem unerträglichen Hitzegefühl, bewußt wurde, was der Verlust der Spitze seiner Gegenhand bedeutete: Jemand hatte ihm seine Kreditkarte, seinen Personalausweis, seinen Führerschein, seine Schlüssel, seine ganze Identität - gestohlen!

Natürlich lagerten für den Fall, daß jemand durch einen Unfall seinen Identifikationsfinger verletzte oder verlor, sämtliche andere Fingerabdrücke zur Identifizierung auf - was wohl der Grund war, warum ihm die restlichen Fingerspitzen so verletzt worden waren, daß eine Rekonstruierung ihres Abdruckes fürs erste unmöglich war.

"Also doch kein flüssiger Stickstoff?" - "Ja, sonst läßt du ihn fallen, und klirrr! ist er in tausend Stücke zersprungen. Außerdem muß er mindestens 30oC warm sein, sonst funktionieren die Automaten nicht." - " Was mach'n ma dann?" - "Da Kühltasche, da Thermoskanne. Und jetzt los, wir haben nicht viel Zeit, zuerst in die Wohnung..."

"Wenn Sie sich bitte identifizieren würden..." Mason hätte am liebsten zugeschlagen, wenn ihn nicht der Schmerz in seiner Hand davon abgehalten hätte. So zeigte er nur verbindlich lächelnd seine verunstalteten Gliedmaßen, winkte damit vor den Augen des Beamten herum. Dieser stutzte, nahm die zwielichtige Gestalt vor sich näher in Augenschein. Der Mantel zerfledert, feuchtes Gras hatte seine Spuren daran hinterlassen. Bartstoppeln zeichneten einen dunklen Schatten in das graukantige Gesicht mit den gequollenen Augensäcken und den breiten Furchen beiderseits der Nase. Der Hals schloß sich eher horizontal denn vertikal an den an die Schultern gekrümmten Rücken an, die typische schlechte Haltung großer Männer. Sicher, die Kleidung wirkte elegant, edler Stoff, aber verdreckt und zerrissen.

"Ich bin überfallen worden". Der Schalterbeamte verschränkte die Arme vor seinem Körper, lehnte sich zurück und zog kommentarlos eine Augenbraue hoch. "Hören Sie, ich bin Europasenator Dr. Martin Mason , ich bekleide einige wichtige Posten in dieser unserer Staatengemeinschaft, und jetzt würde ich b i t t e gerne eine Anzeige aufgeben, weil ich bin nämlich überfallen worden, wissen Sie?!" Mason´s Wangen glühten förmlich, zusätzlich spürte er eine Welle von Übelkeit durch seinen Körper ziehen.

"Du hast die Wunde doch desinfiziert?" - "Desinfiziert, verbunden, dreimal draufgedrückt wie es Mutti tut, jetzt mach´ dir wegen dem Kerl nicht in die Hose!" - "Wahnsinn, des geht, mia san reich!"

"Wissn´S, da könnte ja ein jeder kommen, sich den Daumen abschneiden, die Fingerspitzen verstümmeln und behaupten, er sei weiß Gott wer. Klarsicht oder blickdicht?" - "Wie bitte??" - "Ob Sie in die gläserne Zelle wollen oder in eine blickdicht abgeschlossene?" Mason war sprachlos. Er blickte zur Seite. In der Mitte des Raumes stand ein gläserner Block, einem Aquarium nicht unähnlich, in dem sich ein paar ungepflegte Gestalten räkelten. Einer stellte sich so, daß er Mason voll ins Gesicht blickte, holte seinen Schwanz heraus und pinkelte gegen die gläserne Wand, an welcher der durchsichtige gelbe Strahl schimmernd herunterlief. Diese Vorgehensweise erklärte wohl auch die bräunlichen Ablagerungen, die bis zu einer bestimmten Höhe den Glaskäfig verunzierten.

Mason schloß angewidert die Augen. "Blickdicht, bitte."

"Du denkst gar nicht daran, was aus ihm jetzt wird!" - "Na was schon, irgend einer seiner Freunde wird ihn aus dem Gatsch ziehen, früher oder später. Bis dahin sind wir längst dahin." - "Außerdem ist er selbst schuld. Hätt' er nicht diese blöde Idee mit dem "Zahlen per Daumendruck" gehabt, wär' er jetzt lediglich seine Kreditkarte los. Alle Staatsbürger schön kontrollierbar machen, weil ja jeder meist dort ist, wo auch sein Daumen weilt." - "Er hat die Idee ja gar nicht gehabt, er hat sie ja bloß unterstützt" - "Na und wenn schon."

Beschmierte Wände, vier Pritschen, ein Kübel in der Ecke und Gestank von Kot und Urin, darin zwei bullige Schlägertypen und eine schmächtig wirkende Gestalt mit abstehenden Ohren, die an einen Beamten erinnerte. Die Tür zwischen Mason und der Zivilisation fiel ins Schloß. Ein weiterer Anfall von Übelkeit und das bereits vertraute Flimmern vor den Augen hinderten Mason daran, sich vorläufig mehr Gedanken über seine neue Situation zu machen.

"Hey, Faltty, it´s your turn!" - "Jeah, Faltty, hoffentlich törnt a die!" Der Beamte trat auf den mit geschlossenen Augen auf eine Pritsche gekrümmten Mason zu, beugte sich vor: "Wenn Sie sich bitte mit dem Rücken zu mir hinstellen, die Hose herunterlassen und sich nach vorne beugen würden?" Die beiden Typen im Hintergrund kugelten sich vor Lachen. Mason starrte die Figur, die sich zitternd vor ihm aufgepflanzt hatte, entgeistert an. "Tun Sie es lieber. Die beiden sind - brutal." Jetzt erst bemerkte Mason das blaue Auge und die blutigen, geschwollenen Lippen des vor ihm Stehenden. Das mußte ein Traum sein, ein verdammt schlechter Traum.

"Hoffentlich hält er durch" - "Wer jetzt, der Typ oder sein Daumen?" - "Wir geben ihn doch zurück, oder?" - "Ja, ja, natürlich geben wir ihn zurück, wir sind doch keine Unmenschen."

48 Stunden - länger dürfen sie dich nicht hierbehalten - 48 Stunden ist das längste - du stehst das durch - du bist stark, du stehst das durch... Etwas Weiches, Warmes schlug im Takt gegen seine Hinterbacken, die Arme hatte er an der Wand abgestützt, seine Beinkleider waren ihm auf die Knöchel herabgerutscht. Nur nicht schreien, nicht jammern, gönn' den Kerls ihren Spaß nicht. "Hey, dea duat nua so ois ob!" - "Was'n das Würmchen? Dea hängt ja!" - "Geh, schupf' die, jetz loßt moin Papa zuwe!" Mason kniff die Augen fest zusammen. Ein Zippverschluß, Stoffrascheln, harte Hände an den Hüften. Etwas Hartes, Heißes. Schmerz. Mason schrie.

"Wie sieht´s aus?" - "Er arbeitet noch. Wieviel haben wir jetzt?" - "Mann, ich will gar nicht dran denken, was der Osten für dieses Prachtstück zahlen würde! Brauchen es nur einem Agenten annähen, dem die Visage frisieren und fertig ist der ideale Spitzl." - "Wir geben ihn zurück, das war beschlossene Sache!" - "Werd´ ja noch mal träumen dürfen."

Zuerst vermischte sich das Dämmerlicht mit dem der grellen Neonlampe, schwächte sie, bis sie aufgab und erlosch. Der Schatten des Fenstergitters lag genau über der Tür, so daß diese doppelt abweisend wirkte. Unter den Sonnenflecken schwamm die grünliche Suppe, die Mason erbrochen hatte, nachdem - er schloß die Augen. Alles schmerzte - äußerlich, innerlich, er war in eine Welt geworfen worden, von der er sich immer bewußt abgewandt hatte. Jeder halbwegs intelligente Mensch kann diesen Slums mit ein bißchen Anstrengung entgehen, hatte er gepredigt. Wenn er nur seinen Daumen wieder herbrächte, die Abdruckfläche unbeschädigt, und das Eiweiß des Daumens mit dem seinen übereinstimmte, könnte er identifiziert werden. Im Moment fiel er in ein Gesetzesloch, fiel, ohne einen Halt zu finden, identitätslos, quasi nicht vorhanden. Es gab ihn nicht. Scheiße, dabei war die Idee doch genial! Kein Kreditkartenbetrug mehr, optimale Verbrechensbekämpfung, länderübergreifend! Sämtliche Fingerabdrücke europaweit gespeichert, und die Leute machten es auch noch freiwillig nur für die Bequemlichkeit, nie wieder eine Geldbörse mit sich herumschleppen zu müssen! Wenn erst einmal der kleinste Greißler an das System angeschlossen war, wenn dann in ein paar Jahren sämtliches Geld aus dem Verkehr gezogen wurde, dann.... Aber würde es wirklich auffallen, wenn jemand seelenruhig einen abgeschnittenen Daumen aus dem zu langen Mantel streckte, um an der SB-Kassa der Shopping City zu bezahlen?

"Die Zeit wird knapp, er wird im Büro abgehen heute früh." - "Und wenn schon, sie werden denken, er hat was auf dem Kerbholz und will die Fliege machen!" - "Kein Risiko. Wir haben genug. Gehen wir über zu Phase 3."

"Also Herr Mason, oder wie auch immer Sie heißen mögen. Aber in dubio pro reo. Wir haben in Ihrem Büro angerufen, wo Sie tatsächlich nicht erschienen sind. Ihre Mutter haben wir im Heim angerufen, sie meint lediglich, sie habe Sie schon so lange nicht gesehen, daß sie Sie nicht mit Sicherheit würde identifizieren können." Die Augen des Kommissars blitzten spöttisch. Die Mutter, die feine Dame, die ihr Kind immer irgendwelchen Kindermädchen anvertraut hatte, wie sollte sie ihn auch erkennen. Mason war froh, ihr nicht in die Augen sehen zu müssen. "Sechs Uhr abends ist das eheste, was sich einer Ihrer Kollegen frei machen kann, um Sie anhand einiger interner Fragen sicher identifizieren zu können. Ihre Sekretärin haben wir beauftragt, nach Haaren auf ihrem Sessel und in Ihrem Büro zu fahnden, vielleicht findet sie etwas. Bis dahin sind Sie auf freien Fuß zu setzen, Ihr Wiederkommen liegt ja in Ihrem eigenen Interesse." Der Schmerz in den Fingerspitzen wirkt beruhigend wirklich. Der Kommissar beugte sich leicht vor. "Das in der Zelle ist allein Ihre Angelegenheit. Sie hätten ja die Glaszelle wählen können."

Nicht an die Zukunft denken. Nicht an die Vergangenheit denken. Einfach da sein. Bloß kein Selbstmitleid. (Warum eigentlich nicht losweinen, sich alles von der Seele heulen, weinen, weinen, über rinnende Tränen und Schneuzen und Schluchzen einfach das Hier und Jetzt vergießen?) Kein Selbstmitleid. Solche Typen hatte er immer schon gehaßt. Der Schmerz ist ein Schmerz ist ein Schmerz.

Die warme Herbstsonne auf der Haut fühlen. (Die brutalen Hände, das Gelächter, das Ding, das zugestoßen hatte, fester und immer fester, ihn tief in seinem Innersten verletzt hatte, er hatte sich benutzen lassen müssen.) Warme Sonne, die Wurstsemmel, die ihm eine freundliche Beamte noch zugesteckt hatte, er konnte jetzt nichts essen. (Er würde nie mehr schreiben können, er war doch Rechtshänder, mußte wie ein Taferlklaßler von vorne anfangen, wie sollte er seine Schuhbänder verknoten können?) Irgendwo zwitschert ein Vogel, gutgekleidete Leute hasten vorüber, werfen ihm verächtliche Blicke zu oder übersehen ihn einfach (dieses lange, harte Ding.) Atmen, einfach atmen, einatmen und ausatmen und einatmen. (Ich will nicht! Ich will nicht! Ich will das so nicht! Nein!) Und ausatmen. (Warum gibt es mich noch? Warum falle ich nicht tot um?)

Der Park war schön. Jemand warf ein Päckchen in seinen Schoß. Ein Almosen? Eine Bombe? Hoffentlich. Ein Zettel. "Vielen Dank für ihre Kreditkarte! Sie haben es uns zwar schwer gemacht, aber wir haben es trotzdem geschafft. Und wir werden es immer wieder schaffen." Betäubt steckte Mason das Päckchen mit seinem in Kühlbeuteln gebetteten Daumen in die Manteltasche.

"Geschafft!"
 


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Für den Inhalt verantwortlich: Silke Rosenbüchler, email h8840806@edv1.boku.ac.at
Datum der letzten Änderung: 14.05.2002

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