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Marcel Proust Zitate von A bis Z

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Verzeichnis der verlinkten Schlagwörter

Albertine -  Andrée über AlbertineAngstAußerzeitlichesBenzingeruch - Bergotte - BesitzBetrachten Boef là gelée - BuchCattleya - CharlusEitelkeitslügen - EmpfindenEndeEntdeckungsreise - ErfahrungErinnerungFäden - FrancoiseFrauenFreundschaft - Frühstückshörnchen - GedächtnisGefallenGefühlGeruchGeschmack - Gesunder MenschenverstandGewohnheitGilberteGlückGlücksgefühlGroßherzigkeit - HaikuHandlungen - Herzogin von GuermantesHomosexualitätHudimesnil - IchJahre - Klassen des Geistes - KörperKrankheitKuchen - KunstKunstwerkLarivière - LeidenschaftLeonieLeserLiebeLiteraturLust - MädchenMadeleine - MadeleineMadeleine - Masochismus -  MenschMéségliseMoralMorgenkaffeOdetteOptimismus - OnanieParadiese -  PersönlichkeitPsychologieQualitätReise - RichterRunzeln - SadismusSchlafSchriftstellerSeßhaftigkeit - Soziale FrageSterbenTatsachen -  Taubheit - TeeTiefe der JahreTod - Trauer - TraumUnglückVergangenheitVergessen - Verlorene ZeitVerstand – Vinteuil - VorstellungsvermögenWahrheit - Wände der ZeitWC - WeißdornbuschWeltWeltraumfahrt - WirklichkeitWunderZeichen - Zeitungen.

 

Anmerkung: Zitiert wird - wenn nicht anders angegeben - nach der Frankfurter Ausgabe herausgegeben von Luzius Keller, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main.

 

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Ê Albertine / Wie früher der Weg nach Méséglise und der nach Guermantes die Grundlagen für meine Neigung zum Land gelegt hatten und mich daran gehindert hätten, einen nachhaltigen Reiz in einer Landschaft zu finden, in der es keine alte Kirche, keine Kornblumen, keine Butterblumen gegeben hätte, so bewirkte auch meine Liebe zu Albertine, daß ich ausschließlich eine gewisse Art von Frauen suchte, da ich diese in meinem lnneren mit einer reizvollen Vergangenheit in Beziehung setzen konnte; (Die Flüchtige S.205)

Ê Albertine / Albertine war für mich nur ein Bündel von Vorstellungen gewesen, sie hatte ihren physischen Tod überlebt, solange diese Vorstellungen in mir lebten; umgekehrt erstand Albertine jetzt, da diese Vorstellungen erloschen waren, in keiner Weise für mich mit ihrem Körper wieder zu neuem Sein. (Die Flüchtige S.120)

Ê Albertine / Als ich Albertine liebte, war ich mir sehr bald klar darüber geworden, daß sie mich nicht liebte, und hatte mich wohl oder übel darein ergeben, daß sie mir nur zu der Kenntnis verhalf, was es heißt, Leid, Liebe und am Anfang sogar Glück zu erfahren. (Die wiedergefundene Zeit S.310)

Ê Andrée über Albertine / „Ach ja! Wir haben es beide so schön miteinander gehabt, sie war so zärtlich, so leidenschaftlich. Sie suchte ihr Vergnügen übrigens nicht nur bei mir. Sie hatte bei Madame Verdurin einen schönen Jungen getroffen, der Morel hieß. Die beiden haben sich auf Anhieb verstanden. Mit ihrer Erlaubnis ebenfalls mitzutun, weil er ein Faible für Grünschnäbel hatte und dafür, sie sitzenzulassen, sobald er sie verdorben hatte, mit ihrer Erlaubnis also übernahm er es, den Fischermädchen in einer abgelegenen Bucht den Kopf zu verdrehen, den Wäschermädchen, die sich in einen Burschen vergucken konnten, aber auf die Avancen eines Mädchens nie eingegangen wären. Sobald er dann die Neue ganz in der Hand hatte, bestellte er sie an einen absolut sicheren Ort, wo er sie Albertine überließ. Weil die Neue fürchtete, den Morel zu verlieren, der sowieso kräftig mitmischte, blieb sie immer schön gefügig und verlor ihn trotzdem, weil er sich unter Angabe einer falschen Adresse aus dem Staub machte, entweder aus Angst vor den Folgen, oder auch nur, weil ein- oder zweimal ihm reichten. Er hatte übrigens den Schneid, eine Neue samt Albertine in ein Bordell in Couliville zu führen, wo sie sie dann zu viert oder fünft nahmen, gleichzeitig oder nacheinander. Dafür hatte er wirklich eine Schwäche, Albertine übrigens auch.“ (Die Flüchtige S. 274f.)

Ê Angst / Der Rahmen von Gesellschaft und Natur, der unsere Liebeserlebnisse umgibt, beschäftigt uns nicht viel. [...] Die bombenkündenden Sirenen störten Jupiens Kunden nicht mehr, als ein Eisberg es getan hätte. Ja mehr noch, die physische Gefahr, die sie bedrohte, befreite sie von der Angst, von der sie in geradezu krankhafter Weise seit so langem besessen waren. Es ist nämlich falsch zu glauben, daß die Stufenleiter der Ängste derjenigen der Gefahren entspricht, durch die jene hervorgerufen werden. (Die wiedergefundene Zeit S. 209)

Ê Außerzeitliches / Ich glitt sehr rasch über all das hinweg, denn weit zwingender rief mich die Aufgabe, den Grund jenes Glücks jener Art von Gewißheit zu suchen, mit der sie sich aufdrängte, eine Suche, die ich früher stets verschoben hatte. Der Grund nun begann sich mir zu offenbaren, wenn ich jene beseeligenden Eindrücke untereinander verglich, denn sie hatten untereinander gemeinsam, daß ich das Geräusch des Löffels an dem Teller, die Ungleichheit der Bodenplatten oder den Geschmack der Madeleine zugleich im gegenwärtigen Augenblick und in einem entfernten Augenblick wahrnahm, und zwar in einem Maße, daß die Vergangenheit auf die Gegenwart übergriff und ich nicht mehr mit Bestimmtheit wußte, in welcher von beiden ich mich befand; in Tat und Wahrheit war es so: das Wesen, das dann in mir diesen beglückenden Eindruck empfand, empfand ihn darin, was dieser zu einem früheren Zeitpunkt und jetzt an Gemeinsamkeit hatte, darin, was er an Außerzeitlichem hatte; es war ein Wesen, das nur dann in Erscheinung trat, wenn ich aufgrund einer solchen Identität zwischen Gegenwart und Vergangenheit in das einzige Lebenselement versetzt wurde, in dem es existieren und die Essenz der Dinge genießen konnte, das heißt außerhalb der Zeit. (Die wiedergefundene Zeit S. 264f)

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Ê Benzingeruch / Wie das Brausen eines Windes, dessen Stärke kontinuierlich zunimmt, vernahm ich mit Freude unter meinem Fenster ein Automobil. Ich spürte seinen Benzingeruch. Er mag zartempfindenden Menschen (die immer Materialisten sind und denen er die Landluft verdirbt) als ein bedauerliches Übel erscheinen, ebenso gewissen Denkern, die auf ihre Weise ebensolche Materialisten sind, da sie an die Bedeutsamkeit von Fakten glauben und sich einbilden, der Mensch wäre glücklicher und zu höherer Poesie imstande, wenn seine Augen mehr Farbe zu sehen und seine Nase mehr Düfte zu unterscheiden vermöchten, was im Grunde einer philosophischen Umsetzung der naiven Vorstellung jener Menschen gleichkommt, die da glauben, das Leben wäre schöner, wenn man anstelle eines schwarzen Fracks prachtvolle Gewänder trüge. Für mich aber ließ (ebenso wie ein an sich vielleicht unerfreulicher Geruch nach Naphthalin oder Vetiver mich entzückt hätte, da er mir das reine Blau des Meeres am Tag meiner Ankunft in Balbec wiedergeschenkt hätte) dieser Benzingeruch – der, zugleich mit dem Rauch aus der Maschine entweichend, so viel Male zu dem blassen Azurblau des Himmels aufgeschwebt war an jenen glühendheißen Tagen, an denen ich von Saint-Jean-de-la-Haise nach Gourville fuhr, so wie er mir auf meinen Fahrten an manchen Sommertagen folgte, während Albertine mit Malen beschäftigt war – jetzt zu beiden Seiten, obwohl ich mich in meinem dunklen Zimmer befand, Kornblumen, Mohnblumen und leuchtendroten Klee erblühen: er berauschte mich, wie ein Landduft, nicht fest umrissen und fixiert wie derjenige, der über dem Weißdorn liegt und, durch dichtere, schwerflüssige Elemente festgehalten, mit einer gewissen Beständigkeit der Hecke vorgelagert ist, sondern als ein Geruch, vor dem die Straßen entweichen, das Aussehen des Boden sich verändert, die Schlösser herbeieilen, der Himmel blasser wird, die Kräfte sich vervielfältigen, ein Geruch, der als ein Symbol aufschnellender Kraft das bereits in Balbec verspürte Verlangen neu in mir weckte, in diesen Käfig aus Glas und Stahl steigen, diesmal aber nicht, um auf irgendwelchen Familiensitzen mit einer Frau, die ich schon zu gut kannte, Besuche zu machen, sondern um an neuen Stätten einer unbekannten Frau in Liebe zu nahen. Ein Geruch, den in jedem Augenblick die Hupen vorbeifahrender Automobile begleiteten, gleich einem Appell, dem ich wie einem militärischen Trompetensignal die Worte unterlegte: „Pariser, steh auf, steh auf, nimm dein Mahl auf dem Lande ein und mache eine Bootfahrt auf dem Fluß, im Schatten unter Bäumen, mit einem schönen Mädchen, steh auf, steh auf!“. (Die Gefangene S.588 ff)

Ê Besitz / Man ist nur durch das, was man besitzt. Man besitzt aber nur, was man gegenwärtig hat; wie viele aber von unseren Erinnerungen, unseren Launen, unseren Ideen brechen in eine Ferne auf, in der wir sie aus unseren Augen verlieren! Dann aber können wir sie nicht mehr im Gesamtbestand unseres Wesens führen. Doch haben sie geheime Wege, auf denen sie in uns zurückzukehren vermögen. (Die Flüchtige S.109)

Ê Betrachten / Bei einem Diner sah ich die Gäste nicht, denn wenn ich glaubte, sie zu betrachten, durchleuchtete ich sie. (Die wiedergefundene Zeit S.38)

Ê Boef là gelée / Francoise aber, glücklich darüber, sich jener Kunst des Kochens hinzugeben, für die sie zweifellos eine besondere Begabung besaß, im übrigen stimuliert durch die Aussicht auf einen neuen Gast und wohlwissend, sie solle nach nur ihr bekannten Methoden einen Boef là gelée zubereiten, lebte in seit dem Vortag im Rausch der Inspiration: da sie auf die einwandfreie Beschaffenheit der Materialien, die bei der Herstellung ihres Werkes gebraucht wurden, größten Wert legte, ging sie – so wie Michelangelo acht Monate in den Bergen von Carrara verbrachte, um die vollkommensten Marmorblöcke für das Grabmal Julius‘ des Zweiten auszuwählen – selbst in die Markthallen, um sich die schönsten Teile Lendenstück, Rinderhaxe und Kalbsfuß zu beschaffen. Francoise leget bei diesen Gängen einen solchen Eifer an den Tag, daß Mama beim Anblick ihres glühenden Gesichts fürchtete, unsere alte Köchin könnte, wie der Schöpfer der Medicigräber in den Steinbrüchen von Pietrasanta, vor Überanstrengung einen Zusammenbruch erleiden. (Im Schatten junger Mädchenblüte S.27f)

Ê Buch /  Ein Buch ist ein großer Friedhof, auf dessen Gräbern man die verblaßten Namen nicht mehr lesen kann. (Die wiedergefundene Zeit S.312)

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Ê Cattleya /   So schüchtern aber war er mit ihr, daß er, da er sie an jenem Abend schließlich doch besessen hatte, nachdem er damit angefangen hatte, ihre Cattleyablüten zurechtzurücken, sei es aus Furcht, sie zu kränken, sei es aus Besorgnis, er könne nachträglich als Lügner dastehen, sei es aus Mangel an Mut, eine größre Anforderung an sie zu stellen als diese (die er auf alle Fälle wiederholen konnte, da ihm ja Odette beim ersten Mal deswegen nicht böse gewesen war), in den nächsten Tagen denselben Vorwand benutzte. Wenn sie Cattleyas am Kleide trug, sagte er: „Schade, heute abend brauchen die Cattleyas nicht zurechtgerückt zu werden; sie sind nicht herausgerutscht wie neulich; dennoch glaube ich, die hier sitzt nicht ganz richtig. Darf ich sehen, ob sie nicht stärker duften, als die anderen?“ Oder wenn sie keine hatte: „Ach! Keine Cattleyas heute, da gibt es ja für mich nichts zurechtzurücken.“ Auf diese Weise behielt er eine Weile die Ordnung der Dinge bei wie am ersten Tag; es fing jedesmal mit dem leichten Berühren von Odettes Brust und Hals mit Fingern und Lippen an, jedesmal war dies der Beginn der Zärtlichkeiten; und viel später noch, als sie vom Zurechtrücken der Cattleyas (oder der rituellen Scheinhandlung des Zurechtrückens) längst abgekommen waren, lebte die Metapher „Cattleya spielen“ in ihrem Sprachgebrauch fort, zur schlichten Vokabel geworden, die sie schließlich ganz gedankenlos zur Bezeichnung des Aktes der physischen Inbesitznahme benutzten – bei dem man übrigens nichts besitzt -, und hielt die Erinnerung an jene vergessene Gewohnheit aufrecht. (Unterwegs zu Swann / Eine Liebe Swanns S.339)

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Ê Eitelkeitslügen / Dreiviertel der Spesen an Geist und Eitelkeitslügen, die seit Erschaffung der Welt von Leuten gemacht worden sind, die sich dadurch nur selbst herabsetzen konnten, sind für sozial Untergeordnete aufgewendet worden. Swann, der einer Herzogin gegenüber schlicht und sogar etwas nachlässig auftrat, zitterte davor, verkannt zu werden, und posierte, wenn er sich einem Zimmermädchen gegenüberfand. (Unterwegs zu Swann / Eine Liebe Swanns S.279)        

Ê Empfinden / Was wir empfinden, ist das einzige, was für uns existiert, wir aber projizieren es in die Vergangenheit oder in die Zukunft, ohne uns durch die fiktiven Schranken des Todes Einhalt gebieten zu lassen. (Die Flüchtige S.168)

Ê Erfahrung / Was man aber Erfahrung nennt, ist nur die unseren Augen zuteil werdende Offenbarung eines unserer Charakterzüge [...] (Die Flüchtige S.32)

Ê Erinnerung / Später aber [...] erinnerte ich mich mit Vergnügen an diesen Tag als an den, der einer Seelenjahreszeit angehörte, die mir vordem noch nicht bekannt gewesen war; endlich rief ich ihn mir genau in Erinnerung, doch ohne ihn mit Leiden zu versetzen, vielmehr so, wie man sich gewisser Sommertage erinnert, die man zu heiß gefunden hat, als man sie erlebte, und aus denen man erst nachträglich die unvermischte Essenz aus echtem Gold und unvergänglichem Azur  gewinnt. (Die Flüchtige S.107)

Ê Erinnerung / Von einem gewissen Alter an sind unsere Erinnerungen derart miteinander verwoben, daß die Sache, die man im Sinn hat, oder das Buch, das man liest, ganz dahinter verschwindet. Überall hat man etwas von sich ausgestreut, alles ist ergiebig, alles birgt Gefahren in sich, und ebenso kostbare Entdeckungen wie in Pascals Pensées kann man in einer Seifenreklame machen. (Die Flüchtige S. 190.)

Ê Erinnerungen / Beine und Arme sind voll von schlummernden Erinnerungen. (Die wiedergefundene Zeit S.9f)

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Ê Fäden / Gewiß, wenn es sich nur um unsere Herzen handelt, so hat der Dichter recht gehabt, von jenen „geheimnisvollen Fäden“ zu sprechen, die das Leben zerreißt. Es ist aber in Tat und Wahrheit so, daß es auch unaufhörlich zwischen den Personen, zwischen den Ereignissen neue Fäden spinnt, daß es sie kreuzt, daß es sie verdoppelt, um das Gewebe zu verstärken, so daß zwischen dem unbedeutendsten Punkt unserer Vergangenheit und allen anderen ein dichtes Netz von Erinnerungen uns nur die Wahl der Verbindungswege läßt. (Die wiedergefundene Zeit S. 502)

Ê Francoise / Als ich unten ankam, war sie gerade dabei, ein Huhn zu töten, das mit seinem verzweifelten und ziemlich natürlichen Widerstand, aber auch dadurch, daß Francoise es, völlig außer sich „Mistvieh! Mistvieh!“ kreischend, begleitete, während sie versuchte, ihm oberhalb des Ohrs den Hals durchzuschneiden, die heilige Sanftmut und sämige Güte unserer Magd in einem etwas weniger strahlenden Licht erscheinen ließ, als es das anläßlich des Abendessens am folgenden Tag mit seiner Haut, goldbestickt wie ein Messgewand, und seinem köstlichen, aus einem Ziborium gespendeten Fleischsaft vermocht hätte. Sobald es tot war, fing Francoise das Blut auf, das aus ihm hinauslief, ohne ihren Groll ertränken zu können, bekam noch einen letzten Wutanfall und sagte mit einem Blick auf ihren Feind ein letztes Mal: „Mistvieh!“. Ich stieg am ganzen Körper zitternd, wieder hinauf; ich hätte mir gewünscht, daß Francoise auf der Stelle vor die Tür gesetzt würde. (Combray S.187, Übersetzung von Michael Kleeberg, 2002)

Ê Francoise / Francoise aber, glücklich darüber, sich jener Kunst des Kochens hinzugeben, für die sie zweifellos eine besondere Begabung besaß, im übrigen stimuliert durch die Aussicht auf einen neuen Gast und wohlwissend, sie solle nach nur ihr bekannten Methoden einen Boef là gelée zubereiten, lebte in seit dem Vortag im Rausch der Inspiration: da sie auf die einwandfreie Beschaffenheit der Materialien, die bei der Herstellung ihres Werkes gebraucht wurden, größten Wert legte, ging sie – so wie Michelangelo acht Monate in den Bergen von Carrara verbrachte, um die vollkommensten Marmorblöcke für das Grabmal Julius‘ des Zweiten auszuwählen – selbst in die Markthallen, um sich die schönsten Teile Lendenstück, Rinderhaxe und Kalbsfuß zu beschaffen. Francoise leget bei diesen Gängen einen solchen Eifer an den Tag, daß Mama beim Anblick ihres glühenden Gesichts fürchtete, unsere alte Köchin könnte, wie der Schöpfer der Medicigräber in den Steinbrüchen von Pietrasanta, vor Überanstrengung einen Zusammenbruch erleiden. (Im Schatten junger Mädchenblüte S.27f)

Ê Frauen / Lassen wir die hübschen Frauen den Männern, die über keine Phantasie verfügen. (Die Flüchtige S.39)

Ê Freundschaft / Weit davon entfernt, mich wegen dieses Lebens ohne Freunde und ohne Gespräche für unglücklich zu halten, wie es sogar bei den Größten vorgekommen ist, war ich mir klar darüber, daß die Kräfte der Begeisterung, die sich in der Freundschaft verausgaben, eine trügerische Konstruktion sind, auf der wir eine individuelle Freundschaft aufbauen wollen, die aber zu nichts führt, sich vielmehr von einer Wahrheit abwendet, zu der jene Kräfte uns hinzuleiten vermöchten. Die wiedergefundene Zeit, S. 436 f)

Ê Freundschaft / Die Freundschaft ist nicht nur wie das Gespräch ohne positiv fördernden Wert, sondern dazu auch noch verderblich. (Im Schatten junger Mädchenblüte S. 692)

Ê Frühstückshörnchen / Ein einfaches Frühstückshörnchen, das wir selbst essen, bereitet uns mehr Vergnügen als alle Schnepfen, Junghasen und Steinhühner, die Ludwig XV. vorgesetzt bekam, und das Grashälmchen, das ein paar Zentimeter vor unseren Augen im Wind flattert, wenn wir uns auf einem Berg gelagert haben, kann uns den schwindelnden Grat eines Gipfels verdecken, der sich in einer Entfernung von ein  paar Meilen erhebt. (Die Flüchtige S.122)

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Ê Gedächtnis / Daher lebt der beste Teil unseres Gedächtnisses außerhalb von uns, in dem feuchten Hauch eines Regentages, dem Geruch eines ungelüfteten Raums oder dem Geruch eines eben entzündeten, aufflammenden Feuers, das heißt überall da, wo wir von uns aus selbst das wiederfinden, was unser Verstand als unverwendbar abgelehnt hatte, die letzte Reserve, die beste, die Vergangenheit, die wenn alle unsere Tränen versiegt scheinen, uns noch immer neue entlocken wird. (Im Schatten junger Mädchenblüte S. 310)

Ê Gedächtnis / Indem es die Vergangenheit, ohne sie zu verändern, in die Gegenwart einfügt, so wie sie war, als sie Gegenwart war, bringt nämlich das Gedächtnis jene große Dimension der Zeit, in der sich das Leben verwirklicht, gerade zum Verschwinden. (Die wiedergefundene Zeit S. 503)

Ê Gefallen / Ich war noch nicht alt genug und noch zu empfindungsfähig, um schon auf das Vergnügen verzichtet zu haben, anderen zu gefallen und sie für mich zu gewinnen. (Im Schatten junger Mädchenblüte S. 355f.)

Ê Gefühl / Das Gefühl nämlich diktiert die Pflicht, der Verstand aber liefert die Vorwände sich ihr zu entziehen. (Die wiedergefundene Zeit S.277)

Ê Geruch / Aber wenn von einer lang zurückliegenden Vergangenheit nichts mehr übrig ist, nach dem Tode der lebendigen Wesen, nach der Zerstörung der Dinge, verweilen ganz alleine, viel fragiler, aber lebenskräftiger, immaterieller, ausdauernder, treuer, der Geruch und der Geschmack noch lange Zeit, wie Seelen, entsinnen sich, warten, hoffen, auf den Ruinen von allem übrigen, und tragen, ohne zu wanken, auf ihren kaum wahrnehmbaren Papillen den ungeheuren Bau der Erinnerung. (Combray S. 72, Übersetzung von Michael Kleeberg, 2002)

Ê Gesunder Menschenverstand / Sicherlich ist nicht der gesunde Menschenverstand die „verbreitetste Sache“ von der Welt, sondern die Güte. (Im Schatten junger Mädchenblüte S. 452)

Ê Gewohnheit / Gewöhnlich leben wir mit einem auf das Minimum reduzierten Teil unseres Wesens, die meisten unserer Fähigkeiten wachen gar nicht auf, weil sie sich in dem Bewußtsein zur Ruhe begeben, daß die Gewohnheit schon weiß was sie zu tun hat, und ihrer nicht bedarf. (Im Schatten junger Mädchenblüte S. 329f.)

Ê Gewohnheiten / Was uns an andere Menschen heftet, sind die tausend Wurzeln und unzähligen Fäden, die die Erinnerungen vom Abend vorher und die Hoffnungen auf den folgenden Morgen knüpfen; es ist das lückenlose Gewebe von Gewohnheiten, aus dem wir uns nicht zu befreien vermögen. (Die Gefangene S. 134)

Ê Gilberte / Ich liebte sie, ich ärgerte mich, nicht die Zeit und Geistesgegenwart gehabt zu haben, sie zu beleidigen, ihr weh zu tun und sie zu zwingen, sich an mich zu erinnern. Ich fand sie so schön, daß ich am liebsten umgekehrt wäre, um ihr achselzuckend ins Gesicht zu schreien: »Ich finde Sie ja so häßlich, so grotesk, Sie widern mich geradezu an!«. (Combray S.219, Übersetzung von Michael Kleeberg, 2002)

Ê Glück / Wie gewisse Glücksfälle kommen auch gewisse Unglücksfälle zu spät; sie erlangen dann in uns nicht mehr die Größe, die sie kurze Zeit zuvor noch erlangt hätten. (Die Flüchtige S. 277)

Ê Glück / Denn das Glück ist einzig heilsam für den Körper, die Kräfte des Geistes jedoch bringt der Kummer zur Entfaltung. (Die wiedergefundene Zeit S.316)

Ê Glücksgefühl / In dem Augenblick aber als ich wieder Halt fand und meinen Fuß auf einen Stein setzte, der etwas weniger hoch war als der vorige, schwand meine ganze Mutlosigkeit vor dem gleichen Glücksgefühl, das mir zu verschiedenen Epochen meines Lebens einmal der Anblick von Bäumen geschenkt hatte, die ich auf einer Wagenfahrt von Balbec wiederzuerkennen gemeint hatte, ein andermal der Anblick der Türme von Martinville, oder der Geschmack einer Madeleine, die in Tee getaucht war, sowie noch viele andere Empfindungen, von denen ich gesprochen habe, die mir in den letzten Werken Vinteuils zu einer Synthese miteinander verschmolzen schienen. (Die wiedergefundene Zeit S. 258)

Ê Großherzigkeit / Swann wußte aber vielleicht einfach, daß Großherzigkeit häufig nur die subjektive Erscheinungsform unserer egoistischen Gefühle ist, solange wir sie noch nicht benannt und eingeordnet haben. (Im Schatten junger Mädchenblüte S.94)

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Ê Haiku / Denn die Schloßherrin von Tansonville wußte, daß der April, wie eisig er sich auch gibt, doch nicht ohne Blumen ist, […]. (Im Schatten junger Mädchenblüte S.299)

Ê Handlungen / die Welt der Sterne ist nämlich weniger schwierig zu begreifen als die wirklichen Handlungen der Menschen, besonders jener, die wir lieben, denn sie verschanzen sich gegen unsere Zweifel hinter Geschichten, die sie zum eigenen Schutz erfinden. (Die Gefangene, S. 268)

Ê Herzogin von Guermantes / Das war Sie! Meine Enttäuschung war groß. Sie rührte daher, daß ich mir, dachte ich an Madame Guermantes, nie bewußt gemacht hatte, daß ich sie mir in den Farben eines Wandteppichs oder eines Kirchenfensters vorstellte, in einem anderen Jahrhundert, auf andere Weise als alle anderen lebenden Menschen. (Combray S. 268, Übersetzung von Michael Kleeberg, 2002)

Ê Homosexualität / Das Ideal der Männlichkeit bei Homosexuellen wie Saint-Loup ist nicht das gleiche, aber ebenso konventionell und ebenso verlogen. Die Lüge besteht darin, daß sie sich selbst nicht eingestehen wollen, daß physisches Verlangen am Grund der Gefühle ist, die sie aus anderen Quellen herleiten. Monsieur de Charlus haßte jegliche Verweichlichung. Saint-Loup bewunderte den Mut der jungen Männer, den Rausch der Kavallerieangriffe, den geistigen und moralischen Adel der Freundschaft von Mann zu Mann, die völlig rein sind und bei denen einer für den anderen sein Leben läßt. (Die wiedergefundene Zeit, S. 78)

Ê Hudimesnil / Wir fuhren nach Hudimesnil hinab; plötzlich fühlte ich mich von jenem tiefen Gefühl erfüllt das, ich seit den Zeiten in Combray nicht mehr oft erlebt hatte, einem Glück ganz ähnlich dem, das mir unter anderem die Kirchtürme von Martinville schenkten. Doch erreichte es diesmal seine Vollendung nicht. Etwas abseits von der wellenförmig über einen Hügel führenden Landstraße, der wir folgten, hatte ich eben drei Bäume erblickt, die offenbar den Eingang bildeten zu einer überwölbten Allee und deren Form sich in einer Weise abzeichnete, wie ich sie nicht zum erstenmal sah; es gelang mir nicht zu erkennen, von welchem Ort sie sich losgelöst haben mochten, doch hatte ich das Gefühl, er sei mir von früher her vertraut; […] Ich sah die Bäume entschwinden, sie streckten die Arme aus, ganz als wollten sie sagen: Was du heute von uns nicht erfährst, wirst du niemals erfahren. Wenn du uns auf den Grund dieses Weges zurücksinken lässt, aus dem wir uns bis zu dir haben heraufheben wollen, wird ein ganzer Teil deiner selbst, den wir dir bringen konnten, für immer verloren sein. […] Und als ich nach der Wendung des Wagens ihnen den Rücken kehrte und sie nicht mehr sah, war ich, während Madame de Villeparisis mich fragte, weshalb ich so nachdenklich sei, von Trauer erfüllt, wie nach dem Verlust eines Freundes, als sei ich mir selbst gestorben, als habe ich einen Toten verleugnet, einen Gott nicht erkannt. (Im Schatten junger Mädchenblüte S.417, 421)

 

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Ê Ich / Ich wäre unfähig gewesen, Albertine wiederzuerwecken, da ich es ebenso war, mich selbst, mein Ich von damals wiederzuerwecken. Nach seiner Gewohnheit, durch unaufhörliche, im Kleinsten wirkende Arbeit das Gesicht der Welt zu verändern, hatte das Leben mir am Tag nach Albertines Tod nicht gesagt: Sei ein anderer, sondern durch Veränderungen, die zu unmerklich waren, als daß ich selbst mir über die Tatsache der Veränderung hätte klar werden können, fast alles in mir erneuert, so daß mein Denken schon an seinen neuen Herrn – mein neues Ich – gewöhnt war; an diesen nun hielt es sich. (Die Flüchtige S.337)

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Ê Jahre / Die Wirklichkeit, die ich einst gekannt hatte, gab es nicht mehr. Es genügte, daß Madame Swann nicht mehr als immer die gleiche im gleichen Augenblick unter ihren Bäumen erschien, und schon war die Avenue eine andere geworden. Die Stätten, die wir gekannt haben, sind nicht nur der Welt des Raums zugehörig, in der wir sie uns denken, weil es bequemer für uns ist.  Sie waren nur ein schmaler Ausschnitt aus den einzelnen Eindrücken, die unser Leben von damals bildeten; die Erinnerung an ein bestimmtes Bild ist nur wehmutsvolles Gedenken an einen bestimmten Augenblick; und die Häuser, Straßen, Avenuen sind flüchtig, ach! wie die Jahre! (Unterwegs zu Swann S.616)

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Ê Klassen des Geistes / Die Klassen des Geistes nehmen keine Rücksicht auf die Geburt. (Die wiedergefundene Zeit, S. 59)

Ê Körper / Wir haben von unserem Körper, in dem unaufhörlich so viele Unlust- und Lustgefühle zusammenströmen, keine so klar umrissene Vorstellung wie von einem Baum oder einem Haus oder einem Vorübergehenden. (Die Flüchtige S.120)

Ê Körper / Man mußte in der Tat davon ausgehen, daß ich einen Körper hatte, das heißt unaufhörlich von einer doppelten Gefahr, einer äußeren und einer inneren, bedroht war. [...] Einen Körper zu haben aber, ist die große Bedrohung für den Geist. [...] Der Körper schließt den Geist in eine Festung ein; bald aber wird diese von allen Seiten belagert sein, und zuletzt muß der Geist sich ergeben.(Die wiedergefundene Zeit S. 509)

Ê Krankheit / Im Zustand der Krankheit merken wir, daß wir nicht allein existieren, sondern an ein Wesen aus einem ganz anderen Reich gefesselt sind, von dem uns Abgründe trennen, das uns nicht kennt und dem wir uns unmöglich verständlich machen können: unseren Körper.  (Guermantes S.417)

Ê Krankheit / Wenn eine Krankheit, ein Duell, ein durchgehendes Pferd bewirken, daß wir dem Tod ins Auge sehen, so meinen wir, wir hätten sonst noch das Leben, die Lust oder unbekannte Länder  in Hülle und Fülle genießen können, all die Dinge, deren wir uns beraubt sehen. Ist aber die Gefahr vorbei, so finden wir nichts anderes wieder als das gleiche trübselige Leben, in dem von alledem für uns nichts existierte. (Die Flüchtige S.102)

Ê Kuchen / Meine Freundinnen zogen die Sandwiches vor und wunderten sich, wenn ich nur einen mit flamboyanten Zuckerfiguren verzierten Schokoladekuchen oder ein Aprikosetörtchen aß. Mit einem Chester- oder Salatsandwich, unwissenden und neumodischen kulinarischen Erfindungen, wußte ich eben nichts anzufangen. Die Kuchen aber trugen Wissen in sich, die Törtchen waren mitteilsam. Es gab in den ersteren fad-cremige und in den letzteren frisch-fruchtige Geschmacksnuancen, die vieles wußten von Combray, von Gilberte, nicht nur der Gilberte von Combray, sondern auch derjenigen von Paris, bei deren Nachmittagstees ich sie wiedergefunden hatte. (Im Schatten junger Mädchenblüte S.687f)

Ê Kunst / Die Kunst ist nicht das einzige, was die unbedeutendsten Dinge mit Zauber und Geheimnis zu umhüllen vermag; die gleiche Macht, sie in tiefinnerliche Beziehungen zu uns zu setzen, ist auch dem Schmerz gegeben. (Die Flüchtige S.117)

Ê Kunstwerk / Da aber ging ein neues Licht in mir auf, weniger strahlend gewiß als jenes, dem ich die Erkenntnis verdankte, daß das Kunstwerk das einzige Mittel ist, die verlorene Zeit wiederzufinden. Ich begriff, daß dieses ganze verschiedenartige Material des literarischen Werkes mein vergangenes Leben war; (Die wiedergefundene Zeit, S.306)

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Ê Lariviere / In diesem Buch, in dem keine einzige Tatsache berichtet wird, die nicht erfunden ist, in dem es keine einzige Gestalt gibt, hinter der sich eine wirkliche Person verbirgt, in dem alles und jedes je nach Maßgabe dessen, was ich demonstrieren will, von mir erdacht worden ist, muß ich zum Preis meines Landes sagen, daß die Millionärsverwandten unserer Francoise, die ihre Zurückgezogenheit aufgegeben haben, um ihrer schutzlosen Nichte zu helfen, die einzigen Personen sind, die tatsächlich existieren. (Die wiedergefundene Zeit, S. 227)

Ê Leidenschaft / Meine Nachbarn, von denen mich nur eine dünne Wand trennt, lieben sich täglich mit einer Leidenschaft, auf die ich eifersüchtig bin. Wenn ich bedenke, daß für mich diese Empfindung schwächer ist als jene, ein kühles Bier zu trinken, so beneide ich die Leute, die derartige Schreie ausstoßen können, daß ich das erste Mal an einen Mord gedacht habe. (Brief an den Sohn der Hausverwalterin, Correspondance [12], Bd. XVIII, S.331.)

Ê Leonie / Sie liebte uns wirklich, sie hätte Freude daran gehabt, uns beweinen zu können. (Combray S178, Übersetzung von Michael Kleeberg, 2002)

Ê Leser / In Wirklichkeit ist jeder Leser, wenn er liest, eigentlich der Leser seiner selbst. Das Werk des Schriftstellers ist lediglich eine Art von optischem Instrument, das der Autor dem Leser reicht, damit er erkennen möge, was er in sich selbst vielleicht sonst nicht hätte sehen können. (Die wiedergefundene Zeit, S. 323f)

Ê Liebe / Und tatsächlich war mir bewußt, daß ich jetzt, bevor ich sie ganz und gar vergaß - einem Reisenden ähnlich, der auf demselben Weg zu seinem Ausgangspunkt zurückkehrt -, bevor ich bei der Gleichgültigkeit des Anfangs anlangte, im umgekehrten Sinn alle Gefühle werde durchlaufen müssen, durch die ich hindurchgegangen war, bevor ich zu meiner großen Liebe gelangte. (Die Flüchtige S. 212)

Ê Literatur / Wieviel schmerzlicher noch als zuvor berührte es mich nach diesem Tag auf meinen Spaziergängen in Richtung Guermantes, keinerlei Begabung für die Literatur zu haben und darauf verzichten zu müssen, jemals ein berühmter Schriftsteller zu sein! (Combray S. 274, Übersetzung von Michael Kleeberg, 2002)

Ê Lust / Sie versteckte ihn im Rücken, ich griff hinter ihren Hals und hob dabei die Zöpfe, die sie schulterlang trug, entweder, weil es noch ihrem Alter entsprach oder weil ihre Mutter wollte, daß sie länger kindlich wirkte, um selbst dadurch jünger zu scheinen; eins übers andere gebeugt, rangen wir miteinander. Ich versuchte, sie an mich zu ziehen, sie leistete Widerstand; ihre eiferheißen Wangen warten wie Kirschen so rund und rot; sie lachte, als kitzelte ich sie; ich hielt sie zwischen den Knien fest wie einen jungen Baum, auf den ich steigen wollte; mitten in dieser Gymnastik aber, ohne daß ich stärker atmete, als ich es infolge der Muskelanstrengung und in der Hitze des Spiels ohnehin schon tat, strömte genauso wie ein paar Schweißtropfen, die die Anstrengung einem entlockt, meine Lust aus mir, ohne daß ich auch nur Zeit gehabt hätte, sie richtig auszukosten; in dem Augenblick faßte ich auch schon den Brief. Da sagte Gilberte ganz freundlich zu mir: “Wenn Sie mögen, können wir ruhig noch ein bißchen ringen.“ (Im Schatten junger Mädchenblüte S. 97f)

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Ê Mädchen / Soweit ich aber schließlich Zwischenzeiten der Ruhe und der Gesellschaft nötig haben würde, hatte ich das Gefühl, daß mehr als intellektuelle Gespräche, wie man sie in der besseren Gesellschaft für den Schriftsteller als nützlich erachtet, leichte Liebesbegegnungen mit eben erblühten jungen Mädchen eine erlesene Nahrung darstellen würden, die ich allenfalls noch meiner Einbildungskraft gestatten könnte, die somit jenem berühmten Pferd glich, das nur mit Rosen gefüttert werden durfte. (Die wiedergefundene Zeit, S. 437)

Ê Madeleine / Viele Jahre lange hatte von Combray außer dem, was der Schauplatz und das Drama meines Zubettgehens war, nichts mehr für mich existiert, als meine Mutter an einem Wintertag, an dem ich durchfroren nach Hause kam, mir vorschlug, ich solle entgegen meiner Gewohnheit eine Tasse Tee zu mir nehmen. Ich lehnte erst ab, besann mich dann aber, ich weiß nicht warum, eines anderen. Sie ließ daraufhin eines jener dicklichen, ovalen Sandtörtchen holen, die man „Petites Madeleines“ nennt und die aussehen, als habe man dafür die gefächerte Schale einer Jakobs-Muschel benutzt. Gleich darauf führte ich, ohne mir etwas dabei zu denken, doch bedrückt über den trüben Tag und die Aussicht auf ein trauriges Morgen, einen Löffel Tee mit einem aufgeweichten kleinen Stück Madeleine darin an die Lippen. In der Sekunde nun, da dieser mit den Gebäckkrümeln gemischte Schluck Tee meinen Gaumen berührte, zuckte ich zusammen und war wie gebannt durch etwas Ungewöhnliches, das sich in mir vollzog. Ein unerhörtes Glücksgefühl, das ganz für sich allein bestand und dessen Grund mir unbekannt blieb, hatte mich durchströmt. Es hatte mir mit einem Schlag, wie die Liebe, die Wechselfälle des Lebens gleichgültig werden lassen, seine Katastrophen ungefährlich, seine Kürze imaginär, und es erfüllte mich mit einer köstlichen Essenz; oder vielmehr: diese Essenz war nicht in mir, ich war sie selbst. Ich hatte aufgehört mich mittelmäßig, zufallbedingt, sterblich zu fühlen. Woher strömte diese mächtige Freude mir zu? Ich fühlte, daß sie mit dem Geschmack des Tees und des Kuchens in Verbindung stand, daß sie aber weit darüber hinausging und von ganz anderer  Wesensart sein mußte. Woher kam sie mir? Was bedeutete sie? Wo konnte ich sie fassen? Ich trinke einen zweiten Schluck und finde nichts darin als im ersten, dann einen dritten, der mir etwas weniger davon schenkt als der vorige. Ich muß aufhören, denn die geheime Kraft des Trankes scheint nachzulassen. Es ist ganz offenbar, daß die Wahrheit, die ich suche, nicht in ihm ist, sondern in mir. Er hat sie dort geweckt, kennt sie aber nicht und kann nur auf unbestimmte Zeit und mit ständig schwindender Stärke seine Aussage wiederholen, die ich gleichwohl nicht zu deuten weiß und die ich wenigstens wieder von neuem aus ihm herausfragen und unverfälscht etwas später zu meiner Verfügung haben möchte, um eine entscheidende  Erleuchtung daraus zu schöpfen. Ich stelle die Tasse ab und wende mich meinem Geist zu. Er muß die Wahrheit finden. [...]

Und mit einem Mal war die Erinnerung da. Der Geschmack war der jenes kleinen Stücks einer Madeleine, das mir am Sonntagmorgen in Combray (weil ich an diesem Tag vor dem Hochamt nicht aus dem Hause ging), sobald ich ihr in ihrem Zimmer guten Morgen sagte, meine  Tante Leonie anbot, nachdem sie es in ihrem schwarzen oder Lindenblütentee getaucht hatte. Der Anblick jener Madeleine hatte mir nichts gesagt, bevor ich davon gekostet hatte; vielleicht kam das daher, daß ich dieses Gebäck, ohne davon zu essen, oft in den Auslagen der Bäcker gesehen hatte und daß dadurch sein Bild sich von jenen Tagen in Combray losgelöst und mit anderen, späteren verbunden hatte; vielleicht auch daher, daß von jenen so lange aus dem Gedächtnis entschwundenen Erinnerungen nichts mehr da war, alles sich in nichts aufgelöst hatte; die Formen [...] waren vergangen, oder sie hatten, in tiefen Schlummer versenkt, jenen Auftrieb verloren, durch den sie ins Bewußtsein hätten emporsteigen können. Doch wenn von einer weit zurückliegenden Vergangenheit nichts mehr existiert, nach dem Tod der Menschen und dem Untergang der Dinge, dann verharren als einzige, zarter, aber dauerhafter, substanzloser, beständiger und treuer der Geruch und der Geschmack, um sich wie Seelen noch lange zu erinnern, um zu warten, zu hoffen, um über den Trümmern alles übrigen auf ihrem beinahe unfaßbaren Tröpfchen, ohne nachzugeben, das unermeßliche Gebäude der Erinnerung zu tragen.      

Und so ist denn, sobald ich den Geschmack jenes Madeleine-Stücks wiedererkannt hatte, das meine Tante mir, in Lindenblütentee getaucht, zu geben pflegte (obgleich ich noch immer nicht wußte und auch erst späterhin würde ergründen können, weshalb diese Erinnerung mich so glücklich machte), das graue Haus mit seiner Straßenfront, an der ihr Zimmer sich befand, wie ein Stück Theaterdekoration zu dem kleinen Pavillon an der Gartenseite hinzugetreten, der für meine Eltern nach hintenheraus angebaut worden war (also zu jenem begrenzten Ausschnitt, den ich bislang allein vor mir gesehen hatte), und mit dem Haus die Stadt, vom Morgen bis zum Abend und bei jeder Witterung, der Platz, auf den man mich vor dem Mittagessen schickte, die Straßen, in denen ich Einkäufe machte, die Wege, die wir gingen, wenn schönes Wetter war. Und wie in jenem Spiel, bei dem die Japaner in eine mit Wasser gefüllte Porzellanschale kleine Papierstückchen werfen, die sich zunächst nicht voneinander unterscheiden, dann aber, sobald sie sich vollgesogen haben, auseinandergehen, Umriß gewinnen, Farbe annehmen und deutliche Einzelheiten aufweisen, zu Blumen, Häusern, echten, erkennbaren Personen werden, ebenso stiegen jetzt alle Blumen unseres Gartens und die aus dem Park von Swann und die Seerosen der Vivonne und all die Leute aus dem Dorf und ihre kleinen Häuser und die Kirche und ganz Combray und seine Umgebung, all das, was nun Form und Festigkeit annahm, Stadt und Gärten, stieg aus meiner Tasse Tee.  (Unterwegs zu Swann. Combray S. 66ff.)

Ê Masochismus / Plötzlich war mir, als dringe aus einem Zimmer, das am Ende des Korridors lag, unterdrücktes Stöhnen. Ich machte schnell ein paar Schritte und legte mein Ohr an die Tür. „Ich flehe Sie an, Gnade, Gnade, Mitleid, machen Sie mich los, schlagen Sie nicht so stark auf mich ein!“ sagte eine Stimme. „Ich küsse Ihre Füße, ich demütige mich vor Ihnen, ich will es nicht wieder tun. Haben Sie Mitleid mit mir!“ – „Nein, du elender Schuft“, antwortete eine andere Stimme, „und wenn du noch lange schreist und auf den Knien herumrutschst, fesseln wir dich eben ans Bett, Pardon gibt es hier nicht.“ Und ich hörte ein Geräusch wie vom Niedersausen einer Klopfpeitsche, an der sich wahrscheinlich scharfe Nägel befanden, denn dem Geräusch folgten Schmerzensschreie. Da bemerkte ich, daß es ein kleines Rundfenster auf den Flur gab, an dem aus Versehen der Vorhang nicht zugezogen war; leise im Dunkeln vorwärtsschleichend, rückte ich bis zu dem Fensterchen vor, und da sah ich, an sein Lager gefesselt wie Prometheus an seinen Felsen, im Begriff die Schläge einer tatsächlich mit spitzen Nägeln versehenen Klopfpeitsche entgegenzunehmen, die Maurice auf ihn niederfallen ließ, da sah ich, bereits in seinem Blut schwimmend und mit Striemen bedeckt, die bewiesen, daß diese Züchtigung nicht zum erstenmal erfolgte, da sah ich vor mir Monsieur de Charlus. (Die wiedergefundene Zeit, S. 182f)

Ê Mensch / Die Bande zwischen einem anderen und uns existieren nur in unserem Denken. Wenn das Gedächtnis nachläßt, lockern sie sich, und ungeachtet der Illusion, der wir gern erliegen würden und mit der wir aus Liebe, aus Freundschaft, aus Höflichkeit, aus Achtung, aus Pflichtgefühl die anderen betrügen, sind wir im Leben allein. Der Mensch ist das Wesen, das nicht aus sich herauskann, das die anderen nur in sich kennt und das lügt, wenn es das Gegenteil behauptet. (Die Flüchtige S.54 f.)

Ê Méséglise / Aber wenn ich an die Gegend von Méséglise und die Gegend von Guermantes denke, dann vor allem als eine im tiefsten Grund meines Geistes liegende Ader, einen Bodenschatz, wie an sichere Erde, die mich noch trägt. Weil ich an die Dinge und die Lebewesen glaubte, während ich dort spazieren ging, sind die Dinge und die Lebewesen, die ich dank ihnen kennenlernte, die einzigen, die ich heute noch ernstnehmen kann und die mir noch Freude verschaffen. Sei es, daß das kreative Grundvertrauen in mir versiegt ist, sei es, daß die Wirklichkeit sich nur in der Erinnerung bildet: Die Blumen, die man mir heute zum ersten Mal zeigt, sind keine echten Blumen für mich. Die Gegend um Méséglise mit ihrem Flieder, ihrem Weißdorn, ihren Kornblumen und dem Mohn, ihren Apfelbäumen, die Gegend von Guermantes mit ihrem Bach voller Kaulquappen, ihren Seerosen und Butterblumen, haben in mir ein für allemal das Bild der Landschaft festgeschrieben, in der ich gerne leben würde, von der ich vor allem verlange, daß man in ihr angeln gehen, Kahn fahren, die Ruinen gotischer Befestigungsanlagen sehen kann, und wo sich inmitten der Weizenfelder, so wie Saint-André-des-Champs eine gewaltige Kirche befinden muß, ländlich und goldschimmernd wie ein Heumandel. Auch die Kornblumen, Weißdornbüsche oder Apfelbäume, die ich heute auf Reisen ab und zu auf einem Feld erblicke, sprechen, da sie in der gleichen Tiefe verankert sind, auf der Ebene meiner Vergangenheit nämlich, sofort zu meinem Herzen. Und dennoch - denn jeder Ort hat etwas ganz Einzigartiges -, ergreift mich die Sehnsucht, die Gegend um Guermantes wiederzusehen, könnte man sie nicht stillen, indem man mich ans Ufer eines Flusses führte, wo ebenso schöne, ja schönere Seerosen wachsen als auf der Vivonne, ebensowenig, wie ich abends bei der Heimkehr - in der Stunde, in der jene Angst in mir erwachte, die späterhin in die Liebe flicht und vollständig mit ihr zusammenzuwachsen vermag - gewollt hätte, eine andere Mutter, schöner und intelligenter als die meine, käme mir gute Nacht sagen. Nein; ganz genauso wie sie es sein mußte, damit ich glücklich einschlafen konnte, in dem ungetrübten Frieden, den mir seither keine Geliebte hat schenken können, denn an ihnen zweifelt man selbst noch, wenn man an sie glaubt, und nie besitzt man ihr Herz so, wie ich das meiner Mutter in einem Kuß dargeboten bekam, rückhaltlos, ohne einschränkenden Hintergedanken, frei von jeder Absicht, die nicht ausschließlich mir galt - ihr Gesicht, das sie mir zuwandte und auf dem, oberhalb des Auges, sich angeblich ein Schönheitsfehler befand, den ich ebenso liebte wie alles andere, ganz genauso ist das, was ich wiedersehen möchte, die Gegend von Guermantes, wie ich sie gekannt habe, mit dem Bauernhof, der ein wenig abseits von den beiden anderen, dicht aneinander gedrängten liegt, dort, wo die Eichenallee beginnt; sind es jene Wiesen, auf denen sich, wenn die Sonne sie zu Spiegeln macht wie die Oberfläche eines Weihers, die Blätter der Apfelbäume abzeichnen, ist es genau diese Landschaft, deren Eigentümlichkeit mich manchmal nachts im Traum mit einer fast übernatürlichen Macht heimsucht und die ich beim Erwachen nicht mehr wiederzufinden vermag. Zweifellos haben die Gegend um Méséglise oder die Gegend um Guermantes, indem sie ganz verschiedenartige Eindrücke für immer unlösbar in mir vereint haben, einfach dadurch, sie mich zur selben Zeit erleben zu lassen, mich für die Zukunft einer Vielzahl von Enttäuschungen und sogar einer Vielzahl von Verfehlungen ausgesetzt. Denn oft habe ich einen Menschen wiedersehen wollen, ohne mir darüber klar zu werden, daß es nur deswegen war, weil er mich an eine Weißdornhecke erinnerte, und mein Irrglaube an das Wiederaufleben einer Liebe, und daß ich diesen Glauben einem anderen einzureden versuchte, kam aus dem simplen Wunsch zu reisen. Doch gerade dadurch und indem sie in denjenigen meiner heutigen Eindrücke, an die sie anknüpfen können, präsent bleiben, verleihen die beiden Gegenden ihnen auch eine Grundlage, eine Tiefe, eine zusätzliche Dimension, die anderen abqeht. Auch bereichern sie sie mit einem Zauber und einer Bedeutung, die nur mich angeht. Wenn der sorglose Himmel an manchen Sommerabenden zu grollen beginnt wie ein wildes Tier und alle anderen das Gewitter fliehen, dann verdanke ich es der Gegend um Méséglise, alleine und in einem Zustand der Ekstase, durch den Lärm des fallenden Regens hindurch den Duft unsichtbaren ewigblühenden Flieders einzuatmen. (Combray S. 283ff, Übersetzung von Michael Kleeberg, 2002)

Ê Méséglise / Die Schlacht bei Méséglise hat mehr als acht Monate gewährt, die Deutschen haben dort mehr als sechshundtertausend Mann verloren, sie haben Méséglise zerstört, aber nicht eingenommen. (Gilberte in einem Brief an Marcel) (Die wiedergefundene Zeit S.94)

Ê Moral / Man wird moralisch, sobald man unglücklich ist. (Im Schatten junger Mädchenblüte S.292)

Ê Moral / Persönlich schien es mir unter dem Gesichtspunkt der Moral absolut gleichgültig, ob man sein Vergnügen bei einem Mann oder einer Frau fand, auf alle Fälle aber höchst natürlich und menschlich, daß man es da suchte, wo man es zu finden hofft. (Die Flüchtige S.401)

Ê Moral / Vor allem aber muß man sich hüten, sich von Wörtern verlocken zu lassen; kein anderes nämlich als das Wort Moral hat mehr Dummheiten auf dem Gewissen. (Die Gefangene S 403)

Ê Morgenkaffee / Der Geschmack des Morgenkaffees führt uns jene unbestimmte Hoffnung auf schönes Wetter herauf, die früher so oft, während wir jenen aus einer großen Frühstückstasse aus weißem Porzellan tranken, das, rahmfarben und geriffelt, selbst wie festgewordene Milch aussah, und der Tag in seiner Fülle noch ganz unberührt vor uns lag, uns in der lichten Ungewißheit des ersten Morgens zulächelte. Eine Stunde ist nicht nur eine Stunde; sie ist ein mit Düften, mit Tönen, mit Plänen und Klimaten angefülltes Gefäß. Was wir Wirklichkeit nennen, ist eine bestimmte Verbindung zwischen diesen Empfindungen und Erinnerungen, die uns gleichzeitig umgeben – [...] (Die wiedergefundene Zeit S.38)

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Ê Odette / Odette de Crécy besuchte Swann bald noch ein weiteres Mal, dann fing sie an, öfter zu kommen; zweifellos erlebte er bei jedem dieser Besuche von neuem die Enttäuschung, ein Gesicht vor sich zu sehen, dessen Einzelheiten er inzwischen etwas vergessen und das er weder so ausdrucksvoll noch bei aller Jugend so verblüht in Erinnerung hatte; er bedauerte, während sie mit ihm plauderte, daß die große Schönheit, die sie besaß, nicht eine Schönheit von der Art war, die er spontan bevorzugt hätte. (Unterwegs zu Swann / Eine Liebe Swanns S. 287)

Ê Odette / Er brachte ihr einen Stich mit, den sie zu sehen wünschte. Sie fühlte sich nicht recht wohl und empfing ihn in einem malvenfarbenen Morgenrock aus Crêpe de Chine, dessen reichbestickten Stoff sie wie einen Umhang über der Brust zusammenhielt. Wie sie so neben ihm stand, ihr gelöstes Haar offen über ihre Wange gleiten ließ, das eine Knie in beinahe tänzerischer Pose leicht anhob, um sich bequemer über den Stich beugen zu können, auf den sie mit geneigtem Kopf ihren, wenn er sich nicht belebte, so müden und verdrossenen Blick richtete, da fiel es Swann plötzlich auf, daß sie auf frappante Weise der Gestalt Sephoras, der Tochter Jethros auf einer der Fresken in der Sixtinischen Kapelle glich. (Unterwegs zu Swann / Eine Liebe Swanns S.323)

Ê Odette / Wie eine Photographie von Odette stellte er auf seinen Arbeitstisch eine Reproduktion der Tochter Jethros auf. Er bewunderte die großen Augen, das zarte Gesicht, das auf die Unvollkommenheit der Haut schließen ließ, das Haar, das in herrlichen Locken an den müden Wangen niederglitt, und indem er das, was er bislang im rein ästhetischen Sinne schön gefunden hatte, auf die Vorstellung von einer lebenden Frau übertrug, machte er körperliche Vorzüge daraus, die in einem Wesen vereinigt zu finden, das er besitzen konnte, er sich beglückwünschte. [...] Wenn er den Botticelli lange genug betrachtet hatte, dachte er an seinen Botticelli, den er noch schöner fand, und während er die Photographie der Sephora näher an sich heranzog, glaubte er, Odette ans Herz zu drücken. (Unterwegs zu Swann / Eine Liebe Swanns S.327)

Ê Optimismus / Denn der Optimismus ist die Philosophie der Vergangenheit. (Die Flüchtige S. 363)

Ê Onanie / Ach vergebens rief ich den Turm von Roussainville an, bat ihn, mir ein Kind seines Dorfes zu schicken, ihn, den einzigen Vertrauten meiner ersten Begierden, als ich oben in unserem Haus in Combray, in dem kleinen, nach Iris duftenden Zimmer, nur eben diesen Turm sah durchs angelehnte Fenster, während ich mir mit dem heroischen Zaudern des Reisenden, der  ein unbekanntes Land erforschen soll, oder des Verzweifelten, der vor dem Selbstmord steht, einer Ohnmacht nahe, in mir selbst einen unbekannten Weg freischlug, der, glaubte ich, nur mit dem Tod enden könne, bis zu dem Augenblick, als sich eine natürliche Spur, wie die einer Schnecke, zu den Blättern des wilden Johannisbeerstrauchs, die sich bis zu mir hin neigten, gesellte. (Combray S. 242f., Übersetzung von Michael Kleeberg, 2002)

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Ê Paradiese / [...] denn die wahren Paradiese sind die Paradiese, die man verloren hat. (Die wiedergefundene Zeit S. 264)

Ê Persönlichkeit / Aber selbst was die unwichtigsten Kleinigkeiten angeht, sind wir nicht etwa eine festgefügte Einheit, identisch für alle, etwas, das jedermann einsehen kann wie ein Lastenheft oder ein Testament; unsere soziale Persönlichkeit ist eine geistige Schöpfung der anderen. (Combray S. 29, Übersetzung von Michael Kleeberg, 2002)

Ê Psychologie / Wie es eine Geometrie im Raum gibt, gibt es auch eine Psychologie in der Zeit, in der die Berechnungen einer Psychologie der Fläche nicht mehr stimmen würden, weil man darin die Zeit und eine der Formen, die sie annimmt nämlich das Vergessen, nicht genügend berücksichtigte - das Vergessen, dessen Macht ich zu spüren begann und das ein so gewaltiges Werkzeug der Anpassung an die Wirklichkeit ist, weil es allmählich in uns die überlebende Vergangenheit zerstört, die zu jener in beständigem Widerspruch steht. (Die Flüchtige S.211)

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Ê Qualität / Gilberte ihrerseits setzte den Ausspruch Swanns: „Die Qualität macht mir wenig aus, aber ich fürchte die Quantität“ in die Praxis um. (Die Flüchtige S.379)

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Ê Reise / Im Grunde aber besteht das spezifische Vergnügen einer Reise nicht darin, unterwegs aussteigen und haltmachen zu können, wenn man müde ist, sondern den Unterschied zwischen Abreise und Ankunft statt möglichst unmerklich so tiefgreifend wie irgend tunlich zu machen, ihn in seiner Ganzheit zu erfahren, wie wir ihn, noch ganz intakt in unseren Gedanken trugen, als unsere Einbildungskraft uns von jenem Ort, an dem wir lebten, bis ins Herz jener ersehnten Stätte in einem gewaltigen Schwung trug, der uns wunderbar nicht deshalb schien, weil er eine Entfernung durchmaß, sondern gerade weil er zwei deutlich unterschiedene Individualitäten der Erde miteinander in Verbindung brachte, uns von einem Namen zu einem anderen führte, einen Unterschied, den (besser als eine Spazierfahrt, bei der es, da man inzwischen beliebig aussteigen kann, keine eigentliche Ankunft mehr  gibt) das geheimnisvolle Wirken schematisch darstellt, das sich in jenen besonderen Stätten, den Bahnhöfen, vollzog, die nicht eigentlich zur Stadt gehören, jedoch die Essenz ihrere Persönlichkeit erhalten, genau wie sie auf einem Anzeigeschild ihren Namen tragen. (Im Schatten junger Mädchenblüte S.312)

Ê Reise / Flügel und ein von dem unseren verschiedener Atmungsapparat, die uns erlauben würden, den unendlichen Raum zu durchmessen, würden uns nichts nützen. Denn wenn wir Mars oder Venus besuchten und doch die gleichen Sinne behielten, so würde diese allem, was wir sehen könnten, den gleichen Aspekt wie den Dingen der Erde verleihen. Die einzige wahre Reise, der einzige Jungbrunnen wäre für uns, wenn wir nicht neue Landschaften aufsuchten, sondern andere Augen hätten, die Welt mit den Augen eines anderen, von hundert anderen betrachten, die hundert verschiedenen Welten sehen könnten, die jeder einzelne sieht, die jeder von ihnen ist; das aber vermögen wir mit einem Elstir, mit einem Vinteuil und ihresgleichen, wir fliegen dann wirklich von Stern zu Stern. (Die Gefangene. S. 366 f)

Ê Richter / Man ist nicht sehr heikel und kein sehr guter Richter in bezug auf das, woraus man sich nichts macht. (Im Schatten junger Mädchenblüte S.290)

Ê Runzeln / Die Säcke unter den Augen aber und die Runzeln der Stirn wären nichts, wenn es das Leiden des Herzens nicht gäbe. (Die wiedergefundene Zeit S.317)

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Ê Sadismus / Eine Sadistin wie sie ist eine Künstlerin des Bösen, was ein durch und durch böser Mensch nicht sein könnte, denn das Böse wäre nicht etwas, das außerhalb seiner selbst liegt, sondern vielmehr seine eigene Natur, es unterschiede sich nicht einmal von ihm; und da er die Tugend, das Totengedenken, die Elternliebe nicht heilig hielte, könnte er auch keine sündige Liebe dabei finden, sie zu schänden. Sadisten vom Schlag Mademoiselle Vinteuils sind so von Natur aus tugendhaft, daß selbst sinnliche Freuden ihnen als etwas Böses erscheinen, als das Privileg schlechter Menschen. Und gestatten sie sich selbst, sich ihnen einmal einen kurzen Moment lang hinzugeben, versuchen sie, in die Haut eines solchen schlechten Menschen zu schlüpfen und auch ihren Komplizen dazu zu bringen, um einen Augenblick lang die Illusion gelebt zu haben, ihrer eigenen von Skrupeln geplagten und zärtlichen Seele in die unmenschliche Welt der Lust entlaufen zu sein. (Combray S. 252, Übersetzung von Michael Kleeberg, 2002)

Ê Schlaf / Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen. Manchmal, die Kerze war kaum gelöscht, fielen mir die Augen so rasch zu, daß keine Zeit blieb, mir zu sagen: Ich schlafe ein. Und eine halbe Stunde später weckte mich der Gedanke, daß es Zeit sei, den Schlaf zu suchen; ich wollte das Buch fortlegen, das ich noch in Händen zu halten wähnte, und das Licht ausblasen; im Schlaf hatte ich weiter über das eben Gelesene nachgedacht, dieses Nachdenken aber hatte eine eigentümliche Wendung genommen: mir war, als sei ich selbst es, wovon das Buch sprach – eine Kirche, ein Quartett, die Rivalität zwischen Fanz I. und Karl V. (Unterwegs zu Swann / Combray S.7)

Ê Schlaf / Ein Mensch, der schläft, hält rings um sich die Fäden der Stunden, die Reihenfolge der Jahre und Welten in Händen. (Combray S. 8, Übersetzung von Michael Kleeberg, 2002)

Ê Schriftsteller / Pflicht und Aufgabe eines Schriftstellers sind die eines Übersetzers. (Die wiedergefundene Zeit S.294)

Ê Seßhaftigkeit / In gewissen Fällen (die freilich nicht häufig sind) besteht, da Seßhaftigkeit die Tage erstarren läßt, das beste Mittel, Zeit zu gewinnen, in einem Wechsel des Ortes. (Im Schatten junger Mädchenblüte S. 311f.)

Ê Soziale Frage / Am Abend saßen sie nicht im Hotel, wo die elektrischen Lampen den Speisesaal mit Licht überfluteten, so daß dieser gleichsam zu einem riesigen Aquarium wurde, vor dessen Glaswand die Arbeiterbevölkerung von Balbec, die Fischer und auch Kleinbürgerfamilien unsichtbar im Dunkel sich die Nasen plattdrückten, um das sich langsam in goldenem Hin- und Herwogen entfaltende Luxusleben aller dieser Leute anzuschauen, das für die Armen ebenso merkwürdig wie das von seltsamen Fischen oder Mollusken ist (eine große soziale Frage ist die, ob die Glaswand immer das Festmahl der Wundertiere umhegen wird oder ob nicht die Leute niederen Standes, die gierig in der Nacht mit dem Blick etwas zu erhaschen suchen, eine Tages kommen, sie aus dem Aquarium holen und verspeisen werden). (Im Schatten junger Mädchenblüte S. 365)

Ê Sterben / Ich gelangte zu der Einsicht, daß Sterben nicht etwa etwas Neues ist, sondern daß ich im Gegenteil von meiner Kindheit an schon viele Male gestorben war. (Die wiedergefundene Zeit S. 512)

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Ê Tatsachen / Tatsachen dringen nicht bis in die Welt vor, in der unsere Überzeugungen leben, sie haben sie nicht hervorgerufen, sie können sie auch nicht zerstören; mögen sie sie auch immerfort widerlegen, sie schwächen sie nicht, und eine ganze Kette von Unglücksfällen und Krankheiten, die eine Familie heimsuchen, wird sie weder an der Güte ihres Gottes noch an den Fähigkeiten ihres Arztes zweifeln lassen. (Combray S.

Ê Taubheit / Die Fürstin von Taormina, die bis dahin taub dabeisaß, denn es gibt keine schlimmere Taubheit als die, Ohren zu haben, um nicht zu hören, die Fürstin von Taormina sogar hat angesichts dieser Wunderglocke begriffen, daß hier Musik im Gange war und nicht eine Pokerpartie. (Die Gefangene S 410)

Ê Tee / Und genauso wie in jenem Spiel, bei dem die Japaner sich damit amüsieren, in eine wassergefüllte Porzellantasse kleine, formlose Papierschnipsel zu werfen, die sich beim ersten Kontakt mit der Flüssigkeit ausdehnen, Konturen und Farben bekommen, sich zu verschiedenen Dingen ausbilden, zu festumrissenen und wiedererkennbaren Blumen, Häusern, Personen werden, ganz genauso sind in diesem Augenblick  alle Blumen unseres Gartens und die des Parks von Monsieur Swann, auch die Seerosen der Vivonne, desgleichen all die guten Leute aus dem Dorf und ihre kleinen Häuschen und die Kirche und ganz Combray und seine Umgebung, all das, Form und Festigkeit annehmend, Stadt wie Gärten, aus meiner Tasse Tee erstanden. (Combray S. 73, Übersetzung von Michael Kleeberg, 2002)

Ê Tee / Inzwischen machte mir Gilberte „meinen“ Tee. Ich trank Riesenmengen davon, wo doch schon eine einzige Tasse mich vierundzwanzig Stunden lang nicht schlafen ließ. Meine Mutter sagte daher auch jedesmal: „Es ist zu ärgerlich, der Junge kann nicht zu den Swanns gehen, ohne hinterher krank nach Hause zu kommen.“ Aber wußte ich denn überhaupt, wenn ich bei Swanns war, daß es Tee war, was ich trank? Doch selbst wenn ich es gewußt hätte, hätte ich ihn getrunken, denn vorausgesetzt, ich wäre mir im Augenblick lang der Gegenwart wieder bewußt geworden, so hätte mir das noch lange nicht due Erinnerung an die Vergangenheit und die Voraussicht auf die Zukunft wiedergegeben. Meine Einbildungskraft erstreckte sich nicht bis zu dem entlegenen Zeitpunkt, da ich ans Zubettgehen denken und Schlaf benötigen würde. (Im Schatten junger Mädchenblüte S.116)

Ê Tiefe der Jahre / Eine Gefühl der Müdigkeit und des Grauens befiel mich bei dem Gedanken, daß diese ganze so lange Zeit nicht nur ohne Unterbrechung von mir gelebt, gedacht und wie ein körperliches Sekret abgelagert worden war und daß sie mein Leben, daß sie ich selbst war, sondern daß ich sie auch noch jede Minute bei mir festhalten mußte, daß sie mich, der ich auf ihrem schwindelnden Gipfel hockte und mich nicht rühren konnte, ohne sie ins Gleiten zu bringen, gewissermaßen trug. [...] Es schwindelte mir, wenn ich unter mir und trotz allem in mir, als sei ich viele Meilen hoch, so viele Jahre erblickte. [...] Immerhin würde ich es zuallererst nicht unterlassen, wenn die Kraft mir lange genug erhalten bliebe, um mein Werk zu vollenden, darin die Menschen, auf die Gefahr hin, daß sie dann monströsen Wesen glichen, als Figuren darzustellen, die neben dem so beschränkten Platz, der ihnen im Raum reserviert ist, einen anderen, so beträchtlichen, im Gegensatz zum ersten maßlos in die Länge gezogenen Platz einnehmen, da sie ja, wie in die Tiefe der Jahre getauchte Riesen, gleichzeitig so weit voneinander entfernte Epochen berühren, die sie durchlebt haben und zwischen die sich so viele Tage geschoben haben – einen Platz in der Zeit. ENDE. (Die wiedergefundene Zeit S. 526 ff)

Ê Tod / Unsere Liebe zum Leben ist nur eine alte Liaison, von der wir nicht loskommen können. Doch der Tod, der sie zerstört, wird uns von dem Verlangen nach Unsterblichkeit heilen. (Die Flüchtige S. 341)

Ê Trauer / Gewiß sind Trauer um eine Geliebte oder noch nachlebende Eifersucht in gleicher Weise physische Krankheiten wie Tuberkulose oder Leukämie. (Die Flüchtige S. 339)

Ê Traum / In den Personen, die wir lieben, verfolgen wir, ohne ihn immer genau erkennen zu können, einen bestimmten, ihnen immanenten Traum. Der Glaube an Bergotte und an Swann lag meiner Liebe zu Gilberte zugrunde, der Glaube an Gilberte la Mauvais meiner Liebe zu Madame de Guermantes. Und welche Meeresweiten waren in meiner allerschmerzlichsten, eifersüchtigsten und – wie es schien – individuellsten Liebe, der zu Albertine, ausgespart! (Die wiedergefundene Zeit S. 218)

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Ê Unglück / Dieses Unglück war das größte meines Lebens. Und dennoch wurde das Leiden, das es mir bereitete, vielleicht noch von der Neugier übertroffen, die Ursache dieses Unglücks zu erfahren [...] (Die Flüchtige S. 19)

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Ê Vergangenheit / Die Tage der Vergangenheit überdecken allmählich alle, die auf sie folgen. Doch jeder Tag von früher bleibt in uns hinterlegt wie in einer unendlich großen Bibliothek, in der auch noch von den ältesten Büchern jeweils ein Exemplar existiert, nach dem wahrscheinlich nie ein Mensch fragen wird. Wenn jedoch dieser alte Tag dann gleichwohl die durchsichtige Schicht der späteren Epochen durchsteigt, wieder an die Oberfläche dringt, sich weit in uns ausdehnt und sich über alles ergießt, nehmen die Namen von früher für einen Augenblick ihre alte Bedeutung wieder an, die Personen ihr einstiges Gesicht, wir unsere Seele von dazumal, und wir durchleben noch einmal unter unbestimmten, aber erträglich gewordenen Leiden, die nicht lange andauern, jene längst schon unlösbar gewordenen Probleme, die uns zu ihrer Zeit so sehr geängstigt haben. Unser Ich besteht aus einer Schichtung aufeinanderfolgender Zustände. Doch diese Schichtung ist nicht starr wie die eines Berges. Immer wieder führen Aufbrüche im Inneren alte Lagen an die Oberfläche empor.

Ê Vergangenheit / Diese Momente der Vergangenheit aber sind nicht unverrückbar; sie behalten in unserem Gedächtnis die Bewegung bei, die sie der Zukunft entgegentrug - einer Zukunft, die dann ihrerseits Vergangenheit geworden war - und uns mit sich zog. (Die Flüchtige, S.110)

Ê Vergessen / Meine Liebe aber sah damit den einzigen Feind vor sich, von dem sie besiegt werden konnte: das Vergessen; und sie begann zu zittern wie ein Löwe, der in dem Käfig, in den man ihn gesperrt hat, plötzlich die Pythonschlange erblickt, die ihn verschlingen wird. (Die Flüchtige S.50)

Ê Vergessen / Jenes Monstrum, bei dessen Auftauchen meine Liebe erschauert war, das Vergessen, hatte genauso, wie ich geglaubt hatte, diese schließlich verschlungen. (Die Flüchtige S.338)

Ê Verlorene Zeit / Es gibt optische Täuschungen in der Zeit ebensogut wie im Raum. Daß in mir die alten Anwandlungen zu arbeiten, die verlorene Zeit aufzuholen, ein anderes, überhaupt erst das richtige Leben anzufangen, auch weiterhin bestanden, schenkte mir die Illusion, ich sei noch immer unverändert jung; (Die Flüchtige S.265)

Ê Verstand / Doch kann der Verstand, wie hellsichtig er auch sein mag, die Elemente nicht wahrnehmen, aus denen das Herz besteht [...] (Die Flüchtige S.8)

Ê Vorstellungsvermögen / Doch im Austausch gegen das, was unsere Einbildungskraft uns vergebens erwarten läßt und was wir umsonst so mühevoll zu entdecken bestrebt sind, schenkt das Leben uns etwas, das weit über unser Vorstellungsvermögen hinausgeht. (Die Flüchtige S.128)

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Ê Wahrheit / Die Wahrheit und das Leben sind beide schwer zu bewältigen, und ich behielt von ihnen, ohne daß ich sie wirklich kennengelernt hätte, einen Eindruck zurück, bei dem vielleicht die Erschöpfung die Trauer überwog. (Die Flüchtige S.309)

Ê Wahrnehmung / Ich habe gleichwohl gesagt, daß sie reizend  war, wenn sie eine Erzählung erfand, die keinen Zweifel zuließ, denn man sah dann die – gleichwohl rein imaginäre – Sache vor sich, die sie sagte, wobei man sich zum Sehen ihrer Worte bediente. Sie schufen meine Wahrnehmung. (Die Gefangene S 269)

Ê Wände der Zeit / Denn der Mensch ist ein Wesen ohne festes Lebensalter, ein Wesen, das die Fähigkeit besitzt, in wenigen Sekunden um Jahre jünger zu werden, und das innerhalb der Wände der Zeit, in der es gelebt hat, auf und ab schwebt wie in einem Bassin, dessen Spiegel unaufhörlich auf und nieder steigt und es bald auf die Höhe dieser, bald auf die Höhe jener Epoche trägt. (Die Flüchtige S.295)

Ê WC / Die feuchten, alten Mauern des Eingangsraums, in dem ich auf Francoise wartete, hauchten eine muffige Frische aus, die mir auf der Stelle die Sorgen, die mich aufgrund der mir durch Gilberte mitgeteilten Worte Swanns befallen hatten, weniger drückend erscheinen ließ und mir eine Lust bereitet, die nicht wie gewisse andere war, die uns nur unausgeglichener zurücklassen, unfähig, sie zu erhalten oder sie ganz zu eigen zu machen, sondern vielmehr in einem soliden Genuß bestand, an dem ich mich festhalten konnte, köstlich, friedvoll und mit einer stetigen, unerklärten und doch zuverlässigen Wahrheit erfüllt. Ich hätte gern, wie früher auf meinen Spaziergängen in der Gegend von Guermantes, den Versuch gemacht, in den  Zauberdieses Zustands tiuefer einzudringen, der über mich gekommen war, und unbeweglich diese Modergerüchlein zu erforschen, das mich einlud, nicht die Lust auszukosten, die es mir  gleichsam nur als Zugabe bereitete, sondern die Wirklichkeit zu ergründen, die es mir noch nicht entdeckt hatte. Doch die Pächterin des Etablissements, eine alte Dame mit dickgepuderten Wangen und einer roten Perücke, begann mit mir zu reden. (Im Schatten junger Mädchenblüte S.95)  Auf dem Heimweg stand mir in plötzlichem Erinnern das bislang verborgene Bild vor Augen, das mir, ohne daß ich es klar gesehen oder wiedererkannt hatte, in der nach Ruß riechenden Frische des umrankten Pavillons so nahe gewesen war. Es war das Bild des kleinen Ruhegemachs meines Onkels Adolphe in Combray, das tatsächlich den gleichen dumpfen, feuchten Geruch an sich gehabt hatte. Doch konnte ich nicht begreifen und hob mir für später auf, darüber nachzudenken, wieso die Erinnerung an so ein unbedeutendes Bild mir solches Glück geschenkt hatte. (Im Schatten junger Mädchenblüte S.98)

Ê Weißdornbusch /  Aber wie lange ich auch vor den Weißdornbüschen verharrte und ihren unsichtbaren und in der Luft stehenden Geruch einatmete, mit meinen Gedanken zu fassen versuchte, die nichts mit ihm anzufangen wußten, ihn verlor, wiederfand oder in den Rhythmus einfiel, der seine Blütenblätter hier und da mit jugendlicher Beschwingtheit und in unerwarteten, bestimmten musikalischen Intervallen gleichenden Abständen hin- und herschwenkte, sie spendeten in steter und unermüdlicher, verschwenderischer Fülle ihren immergleichen Zauber, ohne mir jedoch zu gestatten, tiefer in ihn zu dringen, ähnlich wie bestimmte Melodien, die man hundertmal nacheinander spielen kann, ohne doch ihrem Geheimnis irgend näher zu kommen. Einen Moment lang wandte ich mich von ihnen ab, um mich ihnen hinterher mit frischen Kräften erneut nähern zu können. Spielerisch verfolgte ich bis zu der Böschung, die hinter der Hecke steil zu den Feldern hin anstieg, eine hier und da verloren stehende Mohnblume oder eine müßige, am Weg zurückgebliebene Kornblume, deren Blüten den Hang dekorierten wie die Bordüre eines Teppichs, auf der das ländliche Motiv noch sehr zurückhaltend dargestellt ist, das dann auf dem großen Medaillon triumphiert; vereinzelt noch und weit auseinander stehend wie abgelegene Häuser, die bereits die Nähe des Dorfs ahnen lassen, kündeten sie mir von den immensen Weiten, über die der Weizen wogt und die Schäfchenwolken ziehen, und der Anblick einer einzigen Mohnblume, die ihre rote Flagge über die Toppen hißte und hoch über ihrem fettglänzenden, schwarzen Schanzkleid im Wind knattern ließ, ließ mein Herz höher schlagen, ganz wie dem Reisenden, der auf dem platten Land ein erstes gestrandetes Boot entdeckt, das von einem Kalfaterer repariert wird, und ausruft, bevor er es selbst noch gesehen hat: »Das Meer! «. (Combray S. 212f., Übersetzung von Michael Kleeberg, 2002)

Ê Welt / Die Erschaffung der Welt hat nicht am Anfang stattgefunden, sie findet alle Tage statt. (Die Flüchtige S.377)

Ê Welt / Die Welt ist für uns alle wahr und für einen jeden verschieden. (Die Gefangene S. 265)

Ê Welt / Nicht eine Welt, sondern Millionen von Welten, fast ebenso viele, wie es Augenpaare und menschliche Hirne gibt, erwachen jeden Morgen. (Die Gefangene S.268)

Ê Weltraumfahrt / Flügel und ein von dem unseren verschiedener Atmungsapparat, die uns erlauben würden, den unendlichen Raum zu durchmessen, würden uns nichts nützen. Denn wenn wir Mars oder Venus besuchten und doch die gleichen Sinne behielten, so würde diese allem, was wir sehen könnten, den gleichen Aspekt wie den Dingen der Erde verleihen. Die einzige wahre Reise, der einzige Jungbrunnen wäre für uns, wenn wir nicht neue Landschaften aufsuchten, sondern andere Augen hätten, die Welt mit den Augen eines anderen, von hundert anderen betrachten, die hundert verschiedenen Welten sehen könnten, die jeder einzelne sieht, die jeder von ihnen ist; das aber vermögen wir mit einem Elstir, mit einem Vinteuil und ihresgleichen, wir fliegen dann wirklich von Stern zu Stern. (Die Gefangene. S. 366 f)

Ê Wirklichkeit / Nichts vermittelt uns vielleicht so den Eindruck der außerhalb von uns bestehenden Wirklichkeit wie der Wechsel der Position, den sogar eine unbedeutende Person vor und nach dem Augenblick unserer Bekanntschaft mit ihr aus unserer Perspektive erfährt. (Im Schatten junger Mädchenblüte S.343)

Ê Wunder / Wenn man sich am Rand des Abgrunds sieht und meint, Gott habe einen verlassen, zögert man nicht mehr, von ihm ein Wunder zu erwarten. (Die Flüchtige S.30)

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Ê Zeichen / Kurz und gut, in dem einen wie dem anderen Fall, ob es sich nun um Eindrücke wie demjenigen beim Anblick der Kirchtürme von Martinville oder um Reminiszenzen wie bei der Ungleichheit der beiden Steinplatten handelt oder dem Geschmack der Madeleine, ich mußte versuchen, die Empfindungen als die Zeichen ebenso vieler Gesetze und Ideen zu deuten, indem ich zu denken, das heißt aus dem Halbdunkel hervortreten zu lassen und in ein geistiges Äquivalent umzusetzen versuchte, was ich empfunden hatte. (Die wiedergefundene Zeit S.276)

Ê Zeit / Die Zeit vergeht, und allmählich wird alles wahr, was man erlogen hatte; (Die Flüchtige S.66)

Ê Zeitungen / Man liest eben Zeitungen, wie man liebt: mit verbundenen Augen. Man versucht den Dingen nicht auf den Grund zu gehen. Man hört die süßen Reden des Chefredakteurs mit an, wie man den Worten seiner Geliebten lauscht. (Die wiedergefundene Zeit S.86)

 

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