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Verzeichnis der verlinkten Schlagwörter
Albertine - Andrée über
Albertine – Angst – Außerzeitliches – Benzingeruch - Bergotte - Besitz – Betrachten
– Boef là gelée
- Buch – Cattleya - Charlus – Eitelkeitslügen - Empfinden – Ende
– Entdeckungsreise - Erfahrung – Erinnerung – Fäden - Francoise
– Frauen – Freundschaft - Frühstückshörnchen
- Gedächtnis – Gefallen – Gefühl
– Geruch – Geschmack - Gesunder
Menschenverstand – Gewohnheit – Gilberte
– Glück – Glücksgefühl – Großherzigkeit
- Haiku – Handlungen - Herzogin
von Guermantes – Homosexualität – Hudimesnil
- Ich – Jahre - Klassen des
Geistes - Körper – Krankheit – Kuchen - Kunst – Kunstwerk –
Larivière -
Leidenschaft – Leonie – Leser
– Liebe – Literatur – Lust
- Mädchen – Madeleine - Madeleine
– Madeleine - Masochismus - Mensch – Méséglise – Moral – Morgenkaffe
– Odette – Optimismus - Onanie
– Paradiese - Persönlichkeit – Psychologie – Qualität
– Reise - Richter – Runzeln
- Sadismus – Schlaf – Schriftsteller
– Seßhaftigkeit - Soziale Frage – Sterben – Tatsachen - Taubheit - Tee
– Tiefe der Jahre – Tod - Trauer
- Traum – Unglück – Vergangenheit
– Vergessen - Verlorene Zeit – Verstand
– Vinteuil - Vorstellungsvermögen – Wahrheit
- Wände der Zeit – WC - Weißdornbusch
– Welt – Weltraumfahrt - Wirklichkeit
– Wunder – Zeichen - Zeitungen.
Anmerkung:
Zitiert wird - wenn nicht anders angegeben - nach der Frankfurter Ausgabe herausgegeben
von Luzius Keller, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main.
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Ê Albertine / Wie früher
der Weg nach Méséglise und der nach Guermantes die Grundlagen für meine Neigung
zum Land gelegt hatten und mich daran gehindert hätten, einen nachhaltigen Reiz
in einer Landschaft zu finden, in der es keine alte Kirche, keine Kornblumen,
keine Butterblumen gegeben hätte, so bewirkte auch meine Liebe zu Albertine,
daß ich ausschließlich eine gewisse Art von Frauen suchte, da ich diese in
meinem lnneren mit einer reizvollen Vergangenheit in Beziehung setzen konnte; (Die Flüchtige S.205)
Ê
Albertine / Albertine war für mich nur ein Bündel von
Vorstellungen gewesen, sie hatte ihren physischen Tod überlebt, solange diese
Vorstellungen in mir lebten; umgekehrt erstand Albertine jetzt, da diese
Vorstellungen erloschen waren, in keiner Weise für mich mit ihrem Körper wieder
zu neuem Sein.
(Die Flüchtige S.120)
Ê
Albertine / Als ich Albertine liebte, war ich mir sehr bald klar
darüber geworden, daß sie mich nicht liebte, und hatte mich wohl oder übel
darein ergeben, daß sie mir nur zu der Kenntnis verhalf, was es heißt, Leid,
Liebe und am Anfang sogar Glück zu erfahren. (Die wiedergefundene Zeit S.310)
Ê Andrée über Albertine / „Ach ja! Wir haben es beide so schön miteinander
gehabt, sie war so zärtlich, so leidenschaftlich. Sie suchte ihr Vergnügen
übrigens nicht nur bei mir. Sie hatte bei Madame Verdurin einen schönen Jungen
getroffen, der Morel hieß. Die beiden haben sich auf Anhieb verstanden. Mit
ihrer Erlaubnis ebenfalls mitzutun, weil er ein Faible für Grünschnäbel hatte
und dafür, sie sitzenzulassen, sobald er sie verdorben hatte, mit ihrer
Erlaubnis also übernahm er es, den Fischermädchen in einer abgelegenen Bucht
den Kopf zu verdrehen, den Wäschermädchen, die sich in einen Burschen vergucken
konnten, aber auf die Avancen eines Mädchens nie eingegangen wären. Sobald er
dann die Neue ganz in der Hand hatte, bestellte er sie an einen absolut
sicheren Ort, wo er sie Albertine überließ. Weil die Neue fürchtete, den Morel
zu verlieren, der sowieso kräftig mitmischte, blieb sie immer schön gefügig und
verlor ihn trotzdem, weil er sich unter Angabe einer falschen Adresse aus dem
Staub machte, entweder aus Angst vor den Folgen, oder auch nur, weil ein- oder
zweimal ihm reichten. Er hatte übrigens den Schneid, eine Neue samt Albertine
in ein Bordell in Couliville zu führen, wo sie sie dann zu viert oder fünft
nahmen, gleichzeitig oder nacheinander. Dafür hatte er wirklich eine Schwäche,
Albertine übrigens auch.“ (Die Flüchtige S. 274f.)
Ê Angst / Der Rahmen von
Gesellschaft und Natur, der unsere Liebeserlebnisse umgibt, beschäftigt uns
nicht viel. [...] Die bombenkündenden Sirenen störten Jupiens Kunden nicht
mehr, als ein Eisberg es getan hätte. Ja mehr noch, die physische Gefahr, die
sie bedrohte, befreite sie von der Angst, von der sie in geradezu krankhafter
Weise seit so langem besessen waren. Es ist nämlich falsch zu glauben, daß die
Stufenleiter der Ängste derjenigen der Gefahren entspricht, durch die jene
hervorgerufen werden. (Die wiedergefundene Zeit S. 209)
Ê Außerzeitliches / Ich glitt sehr rasch über all das hinweg, denn weit zwingender rief mich
die Aufgabe, den Grund jenes Glücks jener Art von Gewißheit zu suchen, mit der
sie sich aufdrängte, eine Suche, die ich früher stets verschoben hatte. Der
Grund nun begann sich mir zu offenbaren, wenn ich jene beseeligenden Eindrücke
untereinander verglich, denn sie hatten untereinander gemeinsam, daß ich das
Geräusch des Löffels an dem Teller, die Ungleichheit der Bodenplatten oder den
Geschmack der Madeleine zugleich im gegenwärtigen Augenblick und in einem
entfernten Augenblick wahrnahm, und zwar in einem Maße, daß die Vergangenheit
auf die Gegenwart übergriff und ich nicht mehr mit Bestimmtheit wußte, in
welcher von beiden ich mich befand; in Tat und Wahrheit war es so: das Wesen,
das dann in mir diesen beglückenden Eindruck empfand, empfand ihn darin, was
dieser zu einem früheren Zeitpunkt und jetzt an Gemeinsamkeit hatte, darin, was
er an Außerzeitlichem hatte; es war ein Wesen, das nur dann in Erscheinung
trat, wenn ich aufgrund einer solchen Identität zwischen Gegenwart und
Vergangenheit in das einzige Lebenselement versetzt wurde, in dem es existieren
und die Essenz der Dinge genießen konnte, das heißt außerhalb der Zeit. (Die wiedergefundene
Zeit S. 264f)
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Ê Benzingeruch / Wie das
Brausen eines Windes, dessen Stärke kontinuierlich zunimmt, vernahm ich mit
Freude unter meinem Fenster ein Automobil. Ich spürte seinen Benzingeruch. Er
mag zartempfindenden Menschen (die immer Materialisten sind und denen er die
Landluft verdirbt) als ein bedauerliches Übel erscheinen, ebenso gewissen
Denkern, die auf ihre Weise ebensolche Materialisten sind, da sie an die
Bedeutsamkeit von Fakten glauben und sich einbilden, der Mensch wäre
glücklicher und zu höherer Poesie imstande, wenn seine Augen mehr Farbe zu
sehen und seine Nase mehr Düfte zu unterscheiden vermöchten, was im Grunde
einer philosophischen Umsetzung der naiven Vorstellung jener Menschen
gleichkommt, die da glauben, das Leben wäre schöner, wenn man anstelle eines
schwarzen Fracks prachtvolle Gewänder trüge. Für mich aber ließ (ebenso wie ein
an sich vielleicht unerfreulicher Geruch nach Naphthalin oder Vetiver mich
entzückt hätte, da er mir das reine Blau des Meeres am Tag meiner Ankunft in
Balbec wiedergeschenkt hätte) dieser Benzingeruch – der, zugleich mit dem Rauch
aus der Maschine entweichend, so viel Male zu dem blassen Azurblau des Himmels
aufgeschwebt war an jenen glühendheißen Tagen, an denen ich von
Saint-Jean-de-la-Haise nach Gourville fuhr, so wie er mir auf meinen Fahrten an
manchen Sommertagen folgte, während Albertine mit Malen beschäftigt war – jetzt
zu beiden Seiten, obwohl ich mich in meinem dunklen Zimmer befand, Kornblumen,
Mohnblumen und leuchtendroten Klee erblühen: er berauschte mich, wie ein
Landduft, nicht fest umrissen und fixiert wie derjenige, der über dem Weißdorn
liegt und, durch dichtere, schwerflüssige Elemente festgehalten, mit einer
gewissen Beständigkeit der Hecke vorgelagert ist, sondern als ein Geruch, vor
dem die Straßen entweichen, das Aussehen des Boden sich verändert, die
Schlösser herbeieilen, der Himmel blasser wird, die Kräfte sich
vervielfältigen, ein Geruch, der als ein Symbol aufschnellender Kraft das
bereits in Balbec verspürte Verlangen neu in mir weckte, in diesen Käfig aus
Glas und Stahl steigen, diesmal aber nicht, um auf irgendwelchen Familiensitzen
mit einer Frau, die ich schon zu gut kannte, Besuche zu machen, sondern um an
neuen Stätten einer unbekannten Frau in Liebe zu nahen. Ein Geruch, den in
jedem Augenblick die Hupen vorbeifahrender Automobile begleiteten, gleich einem
Appell, dem ich wie einem militärischen Trompetensignal die Worte unterlegte:
„Pariser, steh auf, steh auf, nimm dein Mahl auf dem Lande ein und mache eine
Bootfahrt auf dem Fluß, im Schatten unter Bäumen, mit einem schönen Mädchen,
steh auf, steh auf!“. (Die Gefangene S.588 ff)
Ê Besitz / Man ist nur
durch das, was man besitzt.
Man besitzt aber nur, was
man gegenwärtig hat; wie viele aber von unseren Erinnerungen, unseren Launen,
unseren Ideen brechen in eine Ferne auf, in der wir sie aus unseren Augen
verlieren! Dann aber können wir sie nicht mehr im Gesamtbestand unseres Wesens
führen. Doch haben sie geheime Wege, auf denen sie in uns zurückzukehren
vermögen. (Die
Flüchtige S.109)
Ê Betrachten / Bei einem
Diner sah ich die Gäste nicht, denn wenn ich glaubte, sie zu betrachten,
durchleuchtete ich sie. (Die wiedergefundene Zeit S.38)
Ê Boef là gelée / Francoise
aber, glücklich darüber, sich jener Kunst des Kochens hinzugeben, für die sie
zweifellos eine besondere Begabung besaß, im übrigen stimuliert durch die
Aussicht auf einen neuen Gast und wohlwissend, sie solle nach nur ihr bekannten
Methoden einen Boef là gelée zubereiten, lebte in seit dem Vortag im Rausch der
Inspiration: da sie auf die einwandfreie Beschaffenheit der Materialien, die
bei der Herstellung ihres Werkes gebraucht wurden, größten Wert legte, ging sie
– so wie Michelangelo acht Monate in den Bergen von Carrara verbrachte, um die
vollkommensten Marmorblöcke für das Grabmal Julius‘ des Zweiten auszuwählen –
selbst in die Markthallen, um sich die schönsten Teile Lendenstück, Rinderhaxe
und Kalbsfuß zu beschaffen. Francoise leget bei diesen Gängen einen solchen
Eifer an den Tag, daß Mama beim Anblick ihres glühenden Gesichts fürchtete,
unsere alte Köchin könnte, wie der Schöpfer der Medicigräber in den
Steinbrüchen von Pietrasanta, vor Überanstrengung einen Zusammenbruch erleiden.
(Im
Schatten junger Mädchenblüte S.27f)
Ê Buch / Ein Buch ist ein großer Friedhof, auf dessen
Gräbern man die verblaßten Namen nicht mehr lesen kann. (Die wiedergefundene
Zeit S.312)
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Ê Cattleya / So schüchtern
aber war er mit ihr, daß er, da er sie an jenem Abend schließlich doch besessen
hatte, nachdem er damit angefangen hatte, ihre Cattleyablüten zurechtzurücken,
sei es aus Furcht, sie zu kränken, sei es aus Besorgnis, er könne nachträglich
als Lügner dastehen, sei es aus Mangel an Mut, eine größre Anforderung an sie
zu stellen als diese (die er auf alle Fälle wiederholen konnte, da ihm ja
Odette beim ersten Mal deswegen nicht böse gewesen war), in den nächsten Tagen
denselben Vorwand benutzte. Wenn sie Cattleyas am Kleide trug, sagte er:
„Schade, heute abend brauchen die Cattleyas nicht zurechtgerückt zu werden; sie
sind nicht herausgerutscht wie neulich; dennoch glaube ich, die hier sitzt
nicht ganz richtig. Darf ich sehen, ob sie nicht stärker duften, als die
anderen?“ Oder wenn sie keine hatte: „Ach! Keine Cattleyas heute, da gibt es ja
für mich nichts zurechtzurücken.“ Auf diese Weise behielt er eine Weile die
Ordnung der Dinge bei wie am ersten Tag; es fing jedesmal mit dem leichten
Berühren von Odettes Brust und Hals mit Fingern und Lippen an, jedesmal war
dies der Beginn der Zärtlichkeiten; und viel später noch, als sie vom
Zurechtrücken der Cattleyas (oder der rituellen Scheinhandlung des
Zurechtrückens) längst abgekommen waren, lebte die Metapher „Cattleya spielen“
in ihrem Sprachgebrauch fort, zur schlichten Vokabel geworden, die sie
schließlich ganz gedankenlos zur Bezeichnung des Aktes der physischen
Inbesitznahme benutzten – bei dem man übrigens nichts besitzt -, und hielt die
Erinnerung an jene vergessene Gewohnheit aufrecht. (Unterwegs zu Swann /
Eine Liebe Swanns S.339)
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Ê Eitelkeitslügen / Dreiviertel der Spesen an Geist und Eitelkeitslügen, die seit Erschaffung
der Welt von Leuten gemacht worden sind, die sich dadurch nur selbst
herabsetzen konnten, sind für sozial Untergeordnete aufgewendet worden. Swann,
der einer Herzogin gegenüber schlicht und sogar etwas nachlässig auftrat,
zitterte davor, verkannt zu werden, und posierte, wenn er sich einem
Zimmermädchen gegenüberfand. (Unterwegs zu Swann / Eine Liebe Swanns S.279)
Ê Empfinden / Was wir
empfinden, ist das einzige, was für uns existiert, wir aber
projizieren es in die Vergangenheit oder in die Zukunft, ohne uns durch die
fiktiven Schranken des Todes Einhalt gebieten zu lassen. (Die Flüchtige S.168)
Ê Erfahrung / Was man aber
Erfahrung nennt, ist nur die unseren Augen zuteil werdende Offenbarung eines
unserer Charakterzüge [...] (Die
Flüchtige S.32)
Ê Erinnerung / Später aber
[...] erinnerte ich mich mit Vergnügen an diesen Tag als an den, der einer
Seelenjahreszeit angehörte, die mir vordem noch nicht bekannt gewesen war;
endlich rief ich ihn mir genau in Erinnerung, doch ohne ihn mit Leiden zu
versetzen, vielmehr so, wie man sich gewisser Sommertage erinnert, die man zu
heiß gefunden hat, als man sie erlebte, und aus denen man erst nachträglich die
unvermischte Essenz aus echtem Gold und unvergänglichem Azur gewinnt. (Die Flüchtige S.107)
Ê Erinnerung / Von einem
gewissen Alter an sind unsere Erinnerungen derart miteinander verwoben, daß die
Sache, die man im Sinn hat, oder das Buch, das man liest, ganz dahinter
verschwindet. Überall hat man etwas von sich ausgestreut, alles ist ergiebig,
alles birgt Gefahren in sich, und ebenso kostbare Entdeckungen wie in Pascals
Pensées kann man in einer Seifenreklame machen. (Die Flüchtige S. 190.)
Ê Erinnerungen / Beine und Arme
sind voll von schlummernden Erinnerungen. (Die wiedergefundene Zeit S.9f)
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Ê Fäden / Gewiß, wenn es
sich nur um unsere Herzen handelt, so hat der Dichter recht gehabt, von jenen
„geheimnisvollen Fäden“ zu sprechen, die das Leben zerreißt. Es ist aber in Tat
und Wahrheit so, daß es auch unaufhörlich zwischen den Personen, zwischen den
Ereignissen neue Fäden spinnt, daß es sie kreuzt, daß es sie verdoppelt, um das
Gewebe zu verstärken, so daß zwischen dem unbedeutendsten Punkt unserer
Vergangenheit und allen anderen ein dichtes Netz von Erinnerungen uns nur die
Wahl der Verbindungswege läßt. (Die wiedergefundene Zeit S. 502)
Ê Francoise / Als ich unten
ankam, war sie gerade dabei, ein Huhn zu töten, das mit seinem verzweifelten
und ziemlich natürlichen Widerstand, aber auch dadurch, daß Francoise es,
völlig außer sich „Mistvieh! Mistvieh!“ kreischend, begleitete, während sie
versuchte, ihm oberhalb des Ohrs den Hals durchzuschneiden, die heilige Sanftmut
und sämige Güte unserer Magd in einem etwas weniger strahlenden Licht
erscheinen ließ, als es das anläßlich des Abendessens am folgenden Tag mit
seiner Haut, goldbestickt wie ein Messgewand, und seinem köstlichen, aus einem
Ziborium gespendeten Fleischsaft vermocht hätte. Sobald es tot war, fing
Francoise das Blut auf, das aus ihm hinauslief, ohne ihren Groll ertränken zu
können, bekam noch einen letzten Wutanfall und sagte mit einem Blick auf ihren
Feind ein letztes Mal: „Mistvieh!“. Ich stieg am ganzen Körper zitternd, wieder
hinauf; ich hätte mir gewünscht, daß Francoise auf der Stelle vor die Tür
gesetzt würde. (Combray
S.187, Übersetzung von Michael Kleeberg, 2002)
Ê Francoise / Francoise aber,
glücklich darüber, sich jener Kunst des Kochens hinzugeben, für die sie
zweifellos eine besondere Begabung besaß, im übrigen stimuliert durch die
Aussicht auf einen neuen Gast und wohlwissend, sie solle nach nur ihr bekannten
Methoden einen Boef là gelée zubereiten, lebte in seit dem Vortag im Rausch der
Inspiration: da sie auf die einwandfreie Beschaffenheit der Materialien, die
bei der Herstellung ihres Werkes gebraucht wurden, größten Wert legte, ging sie
– so wie Michelangelo acht Monate in den Bergen von Carrara verbrachte, um die
vollkommensten Marmorblöcke für das Grabmal Julius‘ des Zweiten auszuwählen –
selbst in die Markthallen, um sich die schönsten Teile Lendenstück, Rinderhaxe
und Kalbsfuß zu beschaffen. Francoise leget bei diesen Gängen einen solchen
Eifer an den Tag, daß Mama beim Anblick ihres glühenden Gesichts fürchtete,
unsere alte Köchin könnte, wie der Schöpfer der Medicigräber in den
Steinbrüchen von Pietrasanta, vor Überanstrengung einen Zusammenbruch erleiden.
(Im
Schatten junger Mädchenblüte S.27f)
Ê Frauen / Lassen wir
die hübschen Frauen den Männern, die über keine Phantasie verfügen. (Die Flüchtige S.39)
Ê Freundschaft / Weit davon
entfernt, mich wegen dieses Lebens ohne Freunde und ohne Gespräche für
unglücklich zu halten, wie es sogar bei den Größten vorgekommen ist, war ich
mir klar darüber, daß die Kräfte der Begeisterung, die sich in der Freundschaft
verausgaben, eine trügerische Konstruktion sind, auf der wir eine individuelle
Freundschaft aufbauen wollen, die aber zu nichts führt, sich vielmehr von einer
Wahrheit abwendet, zu der jene Kräfte uns hinzuleiten vermöchten.
Die
wiedergefundene Zeit, S. 436 f)
Ê Freundschaft / Die
Freundschaft ist nicht nur wie das Gespräch ohne positiv fördernden Wert, sondern
dazu auch noch verderblich. (Im Schatten junger Mädchenblüte S. 692)
Ê Frühstückshörnchen / Ein einfaches Frühstückshörnchen, das wir selbst
essen, bereitet uns mehr Vergnügen als alle Schnepfen, Junghasen und
Steinhühner, die Ludwig XV. vorgesetzt bekam, und das Grashälmchen, das ein
paar Zentimeter vor unseren Augen im Wind flattert, wenn wir uns auf einem Berg
gelagert haben, kann uns den schwindelnden Grat eines Gipfels verdecken, der
sich in einer Entfernung von ein paar
Meilen erhebt. (Die
Flüchtige S.122)
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Ê Gedächtnis / Daher lebt
der beste Teil unseres Gedächtnisses außerhalb von uns, in dem feuchten Hauch
eines Regentages, dem Geruch eines ungelüfteten Raums oder dem Geruch eines
eben entzündeten, aufflammenden Feuers, das heißt überall da, wo wir von uns
aus selbst das wiederfinden, was unser Verstand als unverwendbar abgelehnt
hatte, die letzte Reserve, die beste, die Vergangenheit, die wenn alle unsere
Tränen versiegt scheinen, uns noch immer neue entlocken wird. (Im
Schatten junger Mädchenblüte S. 310)
Ê
Gedächtnis / Indem es die Vergangenheit, ohne sie zu verändern,
in die Gegenwart einfügt, so wie sie war, als sie Gegenwart war, bringt nämlich
das Gedächtnis jene große Dimension der Zeit, in der sich das Leben
verwirklicht, gerade zum Verschwinden. (Die wiedergefundene Zeit S. 503)
Ê Gefallen / Ich war noch
nicht alt genug und noch zu empfindungsfähig, um schon auf das Vergnügen
verzichtet zu haben, anderen zu gefallen und sie für mich zu gewinnen. (Im Schatten junger Mädchenblüte S. 355f.)
Ê Gefühl / Das Gefühl
nämlich diktiert die Pflicht, der Verstand aber liefert die Vorwände sich ihr
zu entziehen.
(Die wiedergefundene Zeit S.277)
Ê Geruch / Aber wenn von
einer lang zurückliegenden Vergangenheit nichts mehr übrig ist, nach dem Tode
der lebendigen Wesen, nach der Zerstörung der Dinge, verweilen ganz alleine,
viel fragiler, aber lebenskräftiger, immaterieller, ausdauernder, treuer, der
Geruch und der Geschmack noch lange Zeit, wie Seelen, entsinnen sich, warten,
hoffen, auf den Ruinen von allem übrigen, und tragen, ohne zu wanken, auf ihren
kaum wahrnehmbaren Papillen den ungeheuren Bau der Erinnerung. (Combray S. 72,
Übersetzung von Michael Kleeberg, 2002)
Ê Gesunder Menschenverstand / Sicherlich ist nicht der gesunde Menschenverstand
die „verbreitetste Sache“ von der Welt, sondern die Güte. (Im Schatten junger
Mädchenblüte S. 452)
Ê
Gewohnheit / Gewöhnlich leben wir mit einem auf das Minimum
reduzierten Teil unseres Wesens, die meisten unserer Fähigkeiten wachen gar
nicht auf, weil sie sich in dem Bewußtsein zur Ruhe begeben, daß die Gewohnheit
schon weiß was sie zu tun hat, und ihrer nicht bedarf. (Im Schatten junger
Mädchenblüte S. 329f.)
Ê
Gewohnheiten /
Was uns an andere Menschen heftet, sind die
tausend Wurzeln und unzähligen Fäden, die die Erinnerungen vom Abend vorher und
die Hoffnungen auf den folgenden Morgen knüpfen; es ist das lückenlose Gewebe
von Gewohnheiten, aus dem wir uns nicht zu befreien vermögen. (Die Gefangene S. 134)
Ê Gilberte / Ich liebte
sie, ich ärgerte mich, nicht die Zeit und Geistesgegenwart gehabt zu haben, sie
zu beleidigen, ihr weh zu tun und sie zu zwingen, sich an mich zu erinnern. Ich
fand sie so schön, daß ich am liebsten umgekehrt wäre, um ihr achselzuckend ins
Gesicht zu schreien: »Ich finde Sie ja so häßlich, so grotesk, Sie widern mich
geradezu an!«. (Combray
S.219, Übersetzung von Michael Kleeberg, 2002)
Ê Glück / Wie gewisse
Glücksfälle kommen auch gewisse Unglücksfälle zu spät; sie erlangen dann in uns
nicht mehr die Größe, die sie kurze Zeit zuvor noch erlangt hätten. (Die Flüchtige S. 277)
Ê
Glück / Denn das Glück ist einzig heilsam für den Körper,
die Kräfte des Geistes jedoch bringt der Kummer zur Entfaltung. (Die wiedergefundene Zeit S.316)
Ê Glücksgefühl / In dem
Augenblick aber als ich wieder Halt fand und meinen Fuß auf einen Stein setzte,
der etwas weniger hoch war als der vorige, schwand meine ganze Mutlosigkeit vor
dem gleichen Glücksgefühl, das mir zu verschiedenen Epochen meines Lebens
einmal der Anblick von Bäumen geschenkt hatte, die ich auf einer Wagenfahrt von
Balbec wiederzuerkennen gemeint hatte, ein andermal der Anblick der Türme von
Martinville, oder der Geschmack einer Madeleine, die in Tee getaucht war, sowie
noch viele andere Empfindungen, von denen ich gesprochen habe, die mir in den
letzten Werken Vinteuils zu einer Synthese miteinander verschmolzen schienen. (Die wiedergefundene
Zeit S. 258)
Ê Großherzigkeit / Swann wußte aber vielleicht einfach, daß Großherzigkeit häufig nur die
subjektive Erscheinungsform unserer egoistischen Gefühle ist, solange wir sie
noch nicht benannt und eingeordnet haben. (Im Schatten junger
Mädchenblüte S.94)
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Ê Haiku / Denn die
Schloßherrin von Tansonville wußte, daß der
April, wie eisig er sich auch gibt, doch nicht ohne Blumen ist, […]. (Im Schatten junger Mädchenblüte S.299)
Ê Handlungen / die Welt der Sterne ist nämlich weniger schwierig zu
begreifen als die wirklichen Handlungen der Menschen, besonders jener, die wir
lieben, denn sie verschanzen sich gegen unsere Zweifel hinter Geschichten, die
sie zum eigenen Schutz erfinden. (Die Gefangene, S. 268)
Ê Herzogin von Guermantes / Das war Sie! Meine Enttäuschung war groß. Sie rührte
daher, daß ich mir, dachte ich an Madame Guermantes, nie bewußt gemacht hatte,
daß ich sie mir in den Farben eines Wandteppichs oder eines Kirchenfensters
vorstellte, in einem anderen Jahrhundert, auf andere Weise als alle anderen
lebenden Menschen. (Combray S. 268, Übersetzung von Michael Kleeberg, 2002)
Ê Homosexualität / Das Ideal der Männlichkeit bei Homosexuellen wie Saint-Loup ist nicht das
gleiche, aber ebenso konventionell und ebenso verlogen. Die Lüge besteht darin,
daß sie sich selbst nicht eingestehen wollen, daß physisches Verlangen am Grund
der Gefühle ist, die sie aus anderen Quellen herleiten. Monsieur de Charlus
haßte jegliche Verweichlichung. Saint-Loup bewunderte den Mut der jungen
Männer, den Rausch der Kavallerieangriffe, den geistigen und moralischen Adel
der Freundschaft von Mann zu Mann, die völlig rein sind und bei denen einer für
den anderen sein Leben läßt. (Die wiedergefundene Zeit, S. 78)
Ê Hudimesnil / Wir fuhren
nach Hudimesnil hinab; plötzlich fühlte ich mich von jenem tiefen Gefühl
erfüllt das, ich seit den Zeiten in Combray nicht mehr oft erlebt hatte, einem
Glück ganz ähnlich dem, das mir unter anderem die Kirchtürme von Martinville
schenkten. Doch erreichte es diesmal seine Vollendung nicht. Etwas abseits von
der wellenförmig über einen Hügel führenden Landstraße, der wir folgten, hatte
ich eben drei Bäume erblickt, die offenbar
den Eingang bildeten zu einer überwölbten Allee und deren Form sich in einer
Weise abzeichnete, wie ich sie nicht zum erstenmal sah; es gelang mir nicht zu
erkennen, von welchem Ort sie sich losgelöst haben mochten, doch hatte ich das
Gefühl, er sei mir von früher her vertraut; […] Ich sah die Bäume entschwinden,
sie streckten die Arme aus, ganz als wollten sie sagen: Was du heute von uns
nicht erfährst, wirst du niemals erfahren. Wenn du uns auf den Grund dieses
Weges zurücksinken lässt, aus dem wir uns bis zu dir haben heraufheben wollen,
wird ein ganzer Teil deiner selbst, den wir dir bringen konnten, für immer
verloren sein. […] Und als ich nach der Wendung des Wagens ihnen den Rücken
kehrte und sie nicht mehr sah, war ich, während Madame de Villeparisis mich
fragte, weshalb ich so nachdenklich sei, von Trauer erfüllt, wie nach dem
Verlust eines Freundes, als sei ich mir selbst gestorben, als habe ich einen
Toten verleugnet, einen Gott nicht erkannt. (Im Schatten junger Mädchenblüte S.417,
421)
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Ê Ich / Ich wäre
unfähig gewesen, Albertine wiederzuerwecken, da ich es ebenso war, mich selbst,
mein Ich von damals wiederzuerwecken. Nach seiner Gewohnheit, durch
unaufhörliche, im Kleinsten wirkende Arbeit das Gesicht der Welt zu verändern,
hatte das Leben mir am Tag nach Albertines Tod nicht gesagt: Sei ein anderer,
sondern durch Veränderungen, die zu unmerklich waren, als daß ich selbst mir
über die Tatsache der Veränderung hätte klar werden können, fast alles in mir
erneuert, so daß mein Denken schon an seinen neuen Herrn – mein neues Ich –
gewöhnt war; an diesen nun hielt es sich. (Die Flüchtige S.337)
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Ê Jahre / Die
Wirklichkeit, die ich einst gekannt hatte, gab es nicht mehr. Es genügte, daß Madame Swann nicht mehr als immer
die gleiche im gleichen Augenblick unter ihren Bäumen erschien, und schon war
die Avenue eine andere geworden. Die Stätten, die wir gekannt haben, sind nicht
nur der Welt des Raums zugehörig, in der wir sie uns denken, weil es bequemer
für uns ist. Sie waren nur ein schmaler
Ausschnitt aus den einzelnen Eindrücken, die unser Leben von damals bildeten;
die Erinnerung an ein bestimmtes Bild ist nur wehmutsvolles Gedenken an einen
bestimmten Augenblick; und die Häuser, Straßen, Avenuen sind flüchtig, ach! wie
die Jahre!
(Unterwegs zu Swann S.616)
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Ê Klassen des Geistes / Die Klassen des Geistes nehmen keine Rücksicht auf die Geburt. (Die wiedergefundene
Zeit, S. 59)
Ê Körper / Wir haben von
unserem Körper, in dem unaufhörlich so viele Unlust- und Lustgefühle
zusammenströmen, keine so klar umrissene Vorstellung wie von einem Baum oder
einem Haus oder einem Vorübergehenden. (Die Flüchtige S.120)
Ê Körper / Man mußte in
der Tat davon ausgehen, daß ich einen Körper hatte, das heißt unaufhörlich von
einer doppelten Gefahr, einer äußeren und einer inneren, bedroht war. [...]
Einen Körper zu haben aber, ist die große Bedrohung für den Geist. [...] Der
Körper schließt den Geist in eine Festung ein; bald aber wird diese von allen
Seiten belagert sein, und zuletzt muß der Geist sich ergeben.(Die wiedergefundene
Zeit S. 509)
Ê Krankheit / Im Zustand
der Krankheit merken wir, daß wir nicht allein existieren, sondern an ein Wesen
aus einem ganz anderen Reich gefesselt sind, von dem uns Abgründe trennen, das
uns nicht kennt und dem wir uns unmöglich verständlich machen können: unseren
Körper. (Guermantes S.417)
Ê
Krankheit / Wenn eine Krankheit, ein Duell, ein durchgehendes
Pferd bewirken, daß wir dem Tod ins Auge sehen, so meinen wir, wir hätten sonst
noch das Leben, die Lust oder unbekannte Länder
in Hülle und Fülle genießen können, all die Dinge, deren wir uns beraubt
sehen. Ist aber die Gefahr vorbei, so finden wir nichts anderes wieder als das
gleiche trübselige Leben, in dem von alledem für uns nichts existierte. (Die Flüchtige S.102)
Ê Kuchen / Meine
Freundinnen zogen die Sandwiches vor und wunderten sich, wenn ich nur einen mit
flamboyanten Zuckerfiguren verzierten Schokoladekuchen oder ein
Aprikosetörtchen aß. Mit einem Chester- oder Salatsandwich, unwissenden und
neumodischen kulinarischen Erfindungen, wußte ich eben nichts anzufangen. Die Kuchen
aber trugen Wissen in sich, die Törtchen waren mitteilsam. Es gab in den
ersteren fad-cremige und in den letzteren frisch-fruchtige Geschmacksnuancen,
die vieles wußten von Combray, von Gilberte, nicht nur der Gilberte von
Combray, sondern auch derjenigen von Paris, bei deren Nachmittagstees ich sie
wiedergefunden hatte. (Im Schatten junger Mädchenblüte S.687f)
Ê Kunst / Die Kunst ist
nicht das einzige, was die unbedeutendsten Dinge mit Zauber und Geheimnis zu
umhüllen vermag; die gleiche Macht, sie in tiefinnerliche Beziehungen zu uns zu
setzen, ist auch dem Schmerz gegeben. (Die Flüchtige S.117)
Ê Kunstwerk / Da aber ging
ein neues Licht in mir auf, weniger strahlend gewiß als jenes, dem ich die
Erkenntnis verdankte, daß das Kunstwerk das einzige Mittel ist, die verlorene
Zeit wiederzufinden. Ich begriff, daß dieses ganze verschiedenartige Material
des literarischen Werkes mein vergangenes Leben war; (Die wiedergefundene Zeit, S.306)
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Ê Lariviere / In diesem
Buch, in dem keine einzige Tatsache berichtet wird, die nicht
erfunden ist, in dem es keine einzige Gestalt gibt, hinter der sich eine wirkliche
Person verbirgt, in dem alles und jedes je nach Maßgabe dessen, was ich
demonstrieren will, von mir erdacht worden ist, muß ich zum Preis meines Landes
sagen, daß die Millionärsverwandten unserer Francoise, die ihre
Zurückgezogenheit aufgegeben haben, um ihrer schutzlosen Nichte zu helfen, die
einzigen Personen sind, die tatsächlich existieren. (Die wiedergefundene
Zeit, S. 227)
Ê
Leidenschaft /
Meine Nachbarn, von denen mich nur eine dünne
Wand trennt, lieben sich täglich mit einer Leidenschaft, auf die ich
eifersüchtig bin. Wenn ich bedenke, daß für mich diese Empfindung schwächer ist als
jene, ein kühles Bier zu trinken, so beneide ich die Leute, die derartige
Schreie ausstoßen können, daß ich das erste Mal an einen Mord gedacht habe. (Brief an den Sohn der Hausverwalterin, Correspondance [12], Bd.
XVIII, S.331.)
Ê Leonie / Sie liebte uns
wirklich, sie hätte Freude daran gehabt, uns beweinen zu können. (Combray S178,
Übersetzung von Michael Kleeberg, 2002)
Ê Leser / In
Wirklichkeit ist jeder Leser, wenn er liest, eigentlich der Leser seiner
selbst. Das Werk des Schriftstellers ist lediglich eine Art von optischem
Instrument, das der Autor dem Leser reicht, damit er erkennen möge, was er in
sich selbst vielleicht sonst nicht hätte sehen können. (Die wiedergefundene
Zeit, S. 323f)
Ê Liebe / Und tatsächlich war mir bewußt, daß ich jetzt, bevor
ich sie ganz und gar vergaß - einem Reisenden ähnlich, der auf demselben Weg zu
seinem Ausgangspunkt zurückkehrt -, bevor ich bei der Gleichgültigkeit des
Anfangs anlangte, im umgekehrten Sinn alle Gefühle werde durchlaufen müssen,
durch die ich hindurchgegangen war, bevor ich zu meiner großen Liebe gelangte. (Die Flüchtige S. 212)
Ê Literatur / Wieviel
schmerzlicher noch als zuvor berührte es mich nach diesem Tag auf meinen
Spaziergängen in Richtung Guermantes, keinerlei Begabung für die Literatur zu
haben und darauf verzichten zu müssen, jemals ein berühmter Schriftsteller zu
sein!
(Combray S. 274, Übersetzung von Michael Kleeberg, 2002)
Ê Lust / Sie versteckte
ihn im Rücken, ich griff hinter ihren Hals und hob dabei die Zöpfe, die
sie schulterlang trug, entweder, weil es noch ihrem Alter entsprach oder weil
ihre Mutter wollte, daß sie länger kindlich wirkte, um selbst dadurch jünger zu
scheinen; eins übers andere gebeugt, rangen wir miteinander. Ich versuchte, sie
an mich zu ziehen, sie leistete Widerstand; ihre eiferheißen Wangen warten wie
Kirschen so rund und rot; sie lachte, als kitzelte ich sie; ich hielt sie
zwischen den Knien fest wie einen jungen Baum, auf den ich steigen wollte;
mitten in dieser Gymnastik aber, ohne daß ich stärker atmete, als ich es
infolge der Muskelanstrengung und in der Hitze des Spiels ohnehin schon tat,
strömte genauso wie ein paar Schweißtropfen, die die Anstrengung einem
entlockt, meine Lust aus mir, ohne daß ich auch nur Zeit gehabt hätte, sie
richtig auszukosten; in dem Augenblick faßte ich auch schon den Brief. Da sagte
Gilberte ganz freundlich zu mir: “Wenn Sie mögen, können wir ruhig noch ein
bißchen ringen.“ (Im Schatten junger Mädchenblüte S. 97f)
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Ê Mädchen / Soweit ich
aber schließlich Zwischenzeiten der Ruhe und der Gesellschaft nötig haben
würde, hatte ich das Gefühl, daß mehr als intellektuelle Gespräche, wie man sie
in der besseren Gesellschaft für den Schriftsteller als nützlich erachtet,
leichte Liebesbegegnungen mit eben erblühten jungen Mädchen eine erlesene
Nahrung darstellen würden, die ich allenfalls noch meiner Einbildungskraft
gestatten könnte, die somit jenem berühmten Pferd glich, das nur mit Rosen
gefüttert werden durfte. (Die wiedergefundene Zeit, S. 437)
Ê Madeleine / Viele Jahre
lange hatte von Combray außer dem, was der Schauplatz und das Drama meines Zubettgehens
war, nichts mehr für mich existiert, als meine Mutter an einem Wintertag, an
dem ich durchfroren nach Hause kam, mir vorschlug, ich solle entgegen meiner
Gewohnheit eine Tasse Tee zu mir nehmen. Ich lehnte erst ab, besann mich dann
aber, ich weiß nicht warum, eines anderen. Sie ließ daraufhin eines jener
dicklichen, ovalen Sandtörtchen holen, die man „Petites Madeleines“ nennt und
die aussehen, als habe man dafür die gefächerte Schale einer Jakobs-Muschel
benutzt. Gleich darauf führte ich, ohne mir etwas dabei zu denken, doch
bedrückt über den trüben Tag und die Aussicht auf ein trauriges Morgen, einen
Löffel Tee mit einem aufgeweichten kleinen Stück Madeleine darin an die Lippen.
In der Sekunde nun, da dieser mit den Gebäckkrümeln gemischte Schluck Tee
meinen Gaumen berührte, zuckte ich zusammen und war wie gebannt durch etwas
Ungewöhnliches, das sich in mir vollzog. Ein unerhörtes Glücksgefühl, das ganz
für sich allein bestand und dessen Grund mir unbekannt blieb, hatte mich
durchströmt. Es hatte mir mit einem Schlag, wie die Liebe, die Wechselfälle des
Lebens gleichgültig werden lassen, seine Katastrophen ungefährlich, seine Kürze
imaginär, und es erfüllte mich mit einer köstlichen Essenz; oder vielmehr:
diese Essenz war nicht in mir, ich war sie selbst. Ich hatte aufgehört mich
mittelmäßig, zufallbedingt, sterblich zu fühlen. Woher strömte diese mächtige
Freude mir zu? Ich fühlte, daß sie mit dem Geschmack des Tees und des Kuchens
in Verbindung stand, daß sie aber weit darüber hinausging und von ganz
anderer Wesensart sein mußte. Woher kam
sie mir? Was bedeutete sie? Wo konnte ich sie fassen? Ich trinke einen zweiten
Schluck und finde nichts darin als im ersten, dann einen dritten, der mir etwas
weniger davon schenkt als der vorige. Ich muß aufhören, denn die geheime Kraft
des Trankes scheint nachzulassen. Es ist ganz offenbar, daß die Wahrheit, die
ich suche, nicht in ihm ist, sondern in mir. Er hat sie dort geweckt, kennt sie
aber nicht und kann nur auf unbestimmte Zeit und mit ständig schwindender
Stärke seine Aussage wiederholen, die ich gleichwohl nicht zu deuten weiß und
die ich wenigstens wieder von neuem aus ihm herausfragen und unverfälscht etwas
später zu meiner Verfügung haben möchte, um eine entscheidende Erleuchtung daraus zu schöpfen. Ich stelle
die Tasse ab und wende mich meinem Geist zu. Er muß die Wahrheit finden. [...]
Und mit einem Mal war die
Erinnerung da. Der Geschmack war der jenes kleinen Stücks einer Madeleine, das
mir am Sonntagmorgen in Combray (weil ich an diesem Tag vor dem Hochamt nicht
aus dem Hause ging), sobald ich ihr in ihrem Zimmer guten Morgen sagte,
meine Tante Leonie anbot, nachdem sie es
in ihrem schwarzen oder Lindenblütentee getaucht hatte. Der Anblick jener
Madeleine hatte mir nichts gesagt, bevor ich davon gekostet hatte; vielleicht
kam das daher, daß ich dieses Gebäck, ohne davon zu essen, oft in den Auslagen
der Bäcker gesehen hatte und daß dadurch sein Bild sich von jenen Tagen in
Combray losgelöst und mit anderen, späteren verbunden hatte; vielleicht auch
daher, daß von jenen so lange aus dem Gedächtnis entschwundenen Erinnerungen
nichts mehr da war, alles sich in nichts aufgelöst hatte; die Formen [...]
waren vergangen, oder sie hatten, in tiefen Schlummer versenkt, jenen Auftrieb
verloren, durch den sie ins Bewußtsein hätten emporsteigen können. Doch wenn
von einer weit zurückliegenden Vergangenheit nichts mehr existiert, nach dem
Tod der Menschen und dem Untergang der Dinge, dann verharren als einzige,
zarter, aber dauerhafter, substanzloser, beständiger und treuer der Geruch und
der Geschmack, um sich wie Seelen noch lange zu erinnern, um zu warten, zu
hoffen, um über den Trümmern alles übrigen auf ihrem beinahe unfaßbaren
Tröpfchen, ohne nachzugeben, das unermeßliche Gebäude der Erinnerung zu tragen.
Und so ist
denn, sobald ich den Geschmack jenes Madeleine-Stücks wiedererkannt hatte, das
meine Tante mir, in Lindenblütentee getaucht, zu geben pflegte (obgleich ich
noch immer nicht wußte und auch erst späterhin würde ergründen können, weshalb
diese Erinnerung mich so glücklich machte), das graue Haus mit seiner
Straßenfront, an der ihr Zimmer sich befand, wie ein Stück Theaterdekoration zu
dem kleinen Pavillon an der Gartenseite hinzugetreten, der für meine Eltern
nach hintenheraus angebaut worden war (also zu jenem begrenzten Ausschnitt, den
ich bislang allein vor mir gesehen hatte), und mit dem Haus die Stadt, vom
Morgen bis zum Abend und bei jeder Witterung, der Platz, auf den man mich vor
dem Mittagessen schickte, die Straßen, in denen ich Einkäufe machte, die Wege,
die wir gingen, wenn schönes Wetter war. Und wie in jenem Spiel, bei dem die
Japaner in eine mit Wasser gefüllte Porzellanschale kleine Papierstückchen
werfen, die sich zunächst nicht voneinander unterscheiden, dann aber, sobald
sie sich vollgesogen haben, auseinandergehen, Umriß gewinnen, Farbe annehmen
und deutliche Einzelheiten aufweisen, zu Blumen, Häusern, echten, erkennbaren
Personen werden, ebenso stiegen jetzt alle Blumen unseres Gartens und die aus
dem Park von Swann und die Seerosen der Vivonne und all die Leute aus dem Dorf
und ihre kleinen Häuser und die Kirche und ganz Combray und seine Umgebung, all
das, was nun Form und Festigkeit annahm, Stadt und Gärten, stieg aus meiner
Tasse Tee. (Unterwegs zu Swann.
Combray S. 66ff.)
Ê Masochismus / Plötzlich war
mir, als dringe aus einem Zimmer, das am Ende des Korridors lag, unterdrücktes
Stöhnen. Ich machte schnell ein paar Schritte und legte mein Ohr an die Tür.
„Ich flehe Sie an, Gnade, Gnade, Mitleid, machen Sie mich los, schlagen Sie
nicht so stark auf mich ein!“ sagte eine Stimme. „Ich küsse Ihre Füße, ich
demütige mich vor Ihnen, ich will es nicht wieder tun. Haben Sie Mitleid mit
mir!“ – „Nein, du elender Schuft“, antwortete eine andere Stimme, „und wenn du
noch lange schreist und auf den Knien herumrutschst, fesseln wir dich eben ans
Bett, Pardon gibt es hier nicht.“ Und ich hörte ein Geräusch wie vom
Niedersausen einer Klopfpeitsche, an der sich wahrscheinlich scharfe Nägel
befanden, denn dem Geräusch folgten Schmerzensschreie. Da bemerkte ich, daß es
ein kleines Rundfenster auf den Flur gab, an dem aus Versehen der Vorhang nicht
zugezogen war; leise im Dunkeln vorwärtsschleichend, rückte ich bis zu dem
Fensterchen vor, und da sah ich, an sein Lager gefesselt wie Prometheus an
seinen Felsen, im Begriff die Schläge einer tatsächlich mit spitzen Nägeln
versehenen Klopfpeitsche entgegenzunehmen, die Maurice auf ihn niederfallen
ließ, da sah ich, bereits in seinem Blut schwimmend und mit Striemen bedeckt,
die bewiesen, daß diese Züchtigung nicht zum erstenmal erfolgte, da sah ich vor
mir Monsieur de Charlus. (Die wiedergefundene Zeit, S. 182f)
Ê Mensch / Die Bande
zwischen einem anderen und uns existieren nur in unserem Denken. Wenn das
Gedächtnis nachläßt, lockern sie sich, und ungeachtet der Illusion, der wir
gern erliegen würden und mit der wir aus Liebe, aus Freundschaft, aus
Höflichkeit, aus Achtung, aus Pflichtgefühl die anderen betrügen, sind wir im
Leben allein. Der Mensch ist das Wesen, das nicht aus sich herauskann, das die
anderen nur in sich kennt und das lügt, wenn es das Gegenteil behauptet. (Die Flüchtige S.54 f.)
Ê Méséglise / Aber wenn ich
an die Gegend von Méséglise und die Gegend von Guermantes denke, dann vor allem
als eine im tiefsten Grund meines Geistes liegende Ader, einen Bodenschatz, wie
an sichere Erde, die mich noch trägt. Weil ich an die Dinge und die Lebewesen
glaubte, während ich dort spazieren ging, sind die Dinge und die Lebewesen, die
ich dank ihnen kennenlernte, die einzigen, die ich heute noch ernstnehmen kann
und die mir noch Freude verschaffen. Sei es, daß das kreative Grundvertrauen in
mir versiegt ist, sei es, daß die Wirklichkeit sich nur in der Erinnerung
bildet: Die Blumen, die man mir heute zum ersten Mal zeigt, sind keine echten
Blumen für mich. Die Gegend um Méséglise mit ihrem Flieder, ihrem Weißdorn,
ihren Kornblumen und dem Mohn, ihren Apfelbäumen, die Gegend von Guermantes mit
ihrem Bach voller Kaulquappen, ihren Seerosen und Butterblumen, haben in mir
ein für allemal das Bild der Landschaft festgeschrieben, in der ich gerne leben
würde, von der ich vor allem verlange, daß man in ihr angeln gehen, Kahn
fahren, die Ruinen gotischer Befestigungsanlagen sehen kann, und wo sich
inmitten der Weizenfelder, so wie Saint-André-des-Champs eine gewaltige Kirche
befinden muß, ländlich und goldschimmernd wie ein Heumandel. Auch die
Kornblumen, Weißdornbüsche oder Apfelbäume, die ich heute auf Reisen ab und zu
auf einem Feld erblicke, sprechen, da sie in der gleichen Tiefe verankert sind,
auf der Ebene meiner Vergangenheit nämlich, sofort zu meinem Herzen. Und
dennoch - denn jeder Ort hat etwas ganz Einzigartiges -, ergreift mich die
Sehnsucht, die Gegend um Guermantes wiederzusehen, könnte man sie nicht
stillen, indem man mich ans Ufer eines Flusses führte, wo ebenso schöne, ja
schönere Seerosen wachsen als auf der Vivonne, ebensowenig, wie ich abends bei
der Heimkehr - in der Stunde, in der jene Angst in mir erwachte, die späterhin
in die Liebe flicht und vollständig mit ihr zusammenzuwachsen vermag - gewollt
hätte, eine andere Mutter, schöner und intelligenter als die meine, käme mir
gute Nacht sagen. Nein; ganz genauso wie sie es sein mußte, damit ich glücklich
einschlafen konnte, in dem ungetrübten Frieden, den mir seither keine Geliebte
hat schenken können, denn an ihnen zweifelt man selbst noch, wenn man an sie
glaubt, und nie besitzt man ihr Herz so, wie ich das meiner Mutter in einem Kuß
dargeboten bekam, rückhaltlos, ohne einschränkenden Hintergedanken, frei von
jeder Absicht, die nicht ausschließlich mir galt - ihr Gesicht, das sie mir
zuwandte und auf dem, oberhalb des Auges, sich angeblich ein Schönheitsfehler
befand, den ich ebenso liebte wie alles andere, ganz genauso ist das, was ich
wiedersehen möchte, die Gegend von Guermantes, wie ich sie gekannt habe, mit
dem Bauernhof, der ein wenig abseits von den beiden anderen, dicht aneinander
gedrängten liegt, dort, wo die Eichenallee beginnt; sind es jene Wiesen, auf
denen sich, wenn die Sonne sie zu Spiegeln macht wie die Oberfläche eines
Weihers, die Blätter der Apfelbäume abzeichnen, ist es genau diese Landschaft,
deren Eigentümlichkeit mich manchmal nachts im Traum mit einer fast
übernatürlichen Macht heimsucht und die ich beim Erwachen nicht mehr
wiederzufinden vermag. Zweifellos haben die Gegend um Méséglise oder die Gegend
um Guermantes, indem sie ganz verschiedenartige Eindrücke für immer unlösbar in
mir vereint haben, einfach dadurch, sie mich zur selben Zeit erleben zu lassen,
mich für die Zukunft einer Vielzahl von Enttäuschungen und sogar einer Vielzahl
von Verfehlungen ausgesetzt. Denn oft habe ich einen Menschen wiedersehen
wollen, ohne mir darüber klar zu werden, daß es nur deswegen war, weil er mich
an eine Weißdornhecke erinnerte, und mein Irrglaube an das Wiederaufleben einer
Liebe, und daß ich diesen Glauben einem anderen einzureden versuchte, kam aus
dem simplen Wunsch zu reisen. Doch gerade dadurch und indem sie in denjenigen
meiner heutigen Eindrücke, an die sie anknüpfen können, präsent bleiben,
verleihen die beiden Gegenden ihnen auch eine Grundlage, eine Tiefe, eine
zusätzliche Dimension, die anderen abqeht. Auch bereichern sie sie mit einem
Zauber und einer Bedeutung, die nur mich angeht. Wenn der sorglose Himmel an
manchen Sommerabenden zu grollen beginnt wie ein wildes Tier und alle anderen
das Gewitter fliehen, dann verdanke ich es der Gegend um Méséglise, alleine und
in einem Zustand der Ekstase, durch den Lärm des fallenden Regens hindurch den
Duft unsichtbaren ewigblühenden Flieders einzuatmen. (Combray S. 283ff,
Übersetzung von Michael Kleeberg, 2002)
Ê Méséglise / Die Schlacht
bei Méséglise hat mehr als acht Monate gewährt, die Deutschen haben dort mehr
als sechshundtertausend Mann verloren, sie haben Méséglise zerstört, aber nicht
eingenommen. (Gilberte in einem Brief an Marcel) (Die wiedergefundene Zeit S.94)
Ê Moral / Man wird
moralisch, sobald man unglücklich ist. (Im
Schatten junger Mädchenblüte S.292)
Ê
Moral / Persönlich schien es mir unter dem Gesichtspunkt der
Moral absolut gleichgültig, ob man sein Vergnügen bei einem Mann oder einer
Frau fand, auf alle Fälle aber höchst natürlich und menschlich, daß man es da
suchte, wo man es zu finden hofft. (Die Flüchtige S.401)
Ê Moral / Vor allem aber
muß man sich hüten, sich von Wörtern verlocken zu lassen; kein anderes nämlich
als das Wort Moral hat mehr Dummheiten auf dem Gewissen. (Die Gefangene S 403)
Ê
Morgenkaffee /
Der Geschmack des Morgenkaffees führt uns jene unbestimmte Hoffnung auf
schönes Wetter herauf, die früher so oft, während wir jenen aus einer großen
Frühstückstasse aus weißem Porzellan tranken, das, rahmfarben und geriffelt,
selbst wie festgewordene Milch aussah, und der Tag in seiner Fülle noch ganz
unberührt vor uns lag, uns in der lichten Ungewißheit des ersten Morgens
zulächelte. Eine Stunde ist nicht nur eine Stunde; sie ist ein mit Düften, mit
Tönen, mit Plänen und Klimaten angefülltes Gefäß. Was wir Wirklichkeit nennen,
ist eine bestimmte Verbindung zwischen diesen Empfindungen und Erinnerungen,
die uns gleichzeitig umgeben – [...] (Die
wiedergefundene Zeit S.38)
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Ê Odette / Odette de
Crécy besuchte Swann bald noch ein weiteres Mal, dann fing sie an, öfter zu
kommen; zweifellos erlebte er bei jedem dieser Besuche von neuem die
Enttäuschung, ein Gesicht vor sich zu sehen, dessen Einzelheiten er inzwischen
etwas vergessen und das er weder so ausdrucksvoll noch bei aller Jugend so
verblüht in Erinnerung hatte; er bedauerte, während sie mit ihm plauderte, daß
die große Schönheit, die sie besaß, nicht eine Schönheit von der Art war, die
er spontan bevorzugt hätte. (Unterwegs zu Swann / Eine Liebe Swanns S. 287)
Ê
Odette / Er brachte ihr einen Stich mit, den sie zu sehen
wünschte. Sie fühlte sich nicht recht wohl und empfing ihn in einem
malvenfarbenen Morgenrock aus Crêpe de Chine, dessen reichbestickten Stoff sie
wie einen Umhang über der Brust zusammenhielt. Wie sie so neben ihm stand, ihr
gelöstes Haar offen über ihre Wange gleiten ließ, das eine Knie in beinahe
tänzerischer Pose leicht anhob, um sich bequemer über den Stich beugen zu
können, auf den sie mit geneigtem Kopf ihren, wenn er sich nicht belebte, so
müden und verdrossenen Blick richtete, da fiel es Swann plötzlich auf, daß sie
auf frappante Weise der Gestalt Sephoras, der Tochter Jethros auf einer der
Fresken in der Sixtinischen Kapelle glich. (Unterwegs zu Swann / Eine Liebe Swanns
S.323)
Ê
Odette / Wie eine Photographie von Odette stellte er auf seinen
Arbeitstisch eine Reproduktion der Tochter Jethros auf. Er bewunderte die
großen Augen, das zarte Gesicht, das auf die Unvollkommenheit der Haut
schließen ließ, das Haar, das in herrlichen Locken an den müden Wangen
niederglitt, und indem er das, was er bislang im rein ästhetischen Sinne schön
gefunden hatte, auf die Vorstellung von einer lebenden Frau übertrug, machte er
körperliche Vorzüge daraus, die in einem Wesen vereinigt zu finden, das er
besitzen konnte, er sich beglückwünschte. [...] Wenn er den Botticelli lange
genug betrachtet hatte, dachte er an seinen Botticelli, den er noch schöner
fand, und während er die Photographie der Sephora näher an sich heranzog,
glaubte er, Odette ans Herz zu drücken. (Unterwegs zu Swann / Eine Liebe Swanns S.327)
Ê Optimismus / Denn der Optimismus ist die Philosophie der
Vergangenheit. (Die
Flüchtige S. 363)
Ê Onanie / Ach vergebens
rief ich den Turm von Roussainville an, bat ihn, mir ein Kind seines Dorfes zu
schicken, ihn, den einzigen Vertrauten meiner ersten Begierden, als ich oben in
unserem Haus in Combray, in dem kleinen, nach Iris duftenden Zimmer, nur eben
diesen Turm sah durchs angelehnte Fenster, während ich mir mit dem heroischen
Zaudern des Reisenden, der ein
unbekanntes Land erforschen soll, oder des Verzweifelten, der vor dem
Selbstmord steht, einer Ohnmacht nahe, in mir selbst einen unbekannten Weg
freischlug, der, glaubte ich, nur mit dem Tod enden könne, bis zu dem
Augenblick, als sich eine natürliche Spur, wie die einer Schnecke, zu den
Blättern des wilden Johannisbeerstrauchs, die sich bis zu mir hin neigten,
gesellte. (Combray
S. 242f., Übersetzung von Michael Kleeberg, 2002)
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Ê Paradiese / [...] denn
die wahren Paradiese sind die Paradiese, die man verloren hat. (Die wiedergefundene
Zeit S. 264)
Ê Persönlichkeit / Aber selbst was die unwichtigsten Kleinigkeiten angeht, sind wir nicht
etwa eine festgefügte Einheit, identisch für alle, etwas, das jedermann
einsehen kann wie ein Lastenheft oder ein Testament; unsere soziale
Persönlichkeit ist eine geistige Schöpfung der anderen. (Combray S. 29,
Übersetzung von Michael Kleeberg, 2002)
Ê Psychologie / Wie es eine
Geometrie im Raum gibt, gibt es auch eine Psychologie in der Zeit, in der die
Berechnungen einer Psychologie der Fläche nicht mehr stimmen würden, weil man
darin die Zeit und eine der Formen, die sie annimmt nämlich das Vergessen,
nicht genügend berücksichtigte - das Vergessen, dessen Macht ich zu spüren
begann und das ein so gewaltiges Werkzeug der Anpassung an die Wirklichkeit
ist, weil es allmählich in uns die überlebende Vergangenheit zerstört, die zu
jener in beständigem Widerspruch steht. (Die
Flüchtige S.211)
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Ê Qualität / Gilberte
ihrerseits setzte den Ausspruch Swanns: „Die Qualität macht mir wenig aus, aber
ich fürchte die Quantität“ in die Praxis um. (Die Flüchtige S.379)
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Ê Reise / Im Grunde
aber besteht das spezifische Vergnügen einer Reise nicht darin, unterwegs
aussteigen und haltmachen zu können, wenn man müde ist, sondern den Unterschied
zwischen Abreise und Ankunft statt möglichst unmerklich so tiefgreifend wie
irgend tunlich zu machen, ihn in seiner Ganzheit zu erfahren, wie wir ihn, noch
ganz intakt in unseren Gedanken trugen, als unsere Einbildungskraft uns von
jenem Ort, an dem wir lebten, bis ins Herz jener ersehnten Stätte in einem
gewaltigen Schwung trug, der uns wunderbar nicht deshalb schien, weil er eine
Entfernung durchmaß, sondern gerade weil er zwei deutlich unterschiedene
Individualitäten der Erde miteinander in Verbindung brachte, uns von einem
Namen zu einem anderen führte, einen Unterschied, den (besser als eine
Spazierfahrt, bei der es, da man inzwischen beliebig aussteigen kann, keine
eigentliche Ankunft mehr gibt) das
geheimnisvolle Wirken schematisch darstellt, das sich in jenen besonderen
Stätten, den Bahnhöfen, vollzog, die nicht eigentlich zur Stadt gehören, jedoch
die Essenz ihrere Persönlichkeit erhalten, genau wie sie auf einem
Anzeigeschild ihren Namen tragen. (Im Schatten junger Mädchenblüte S.312)
Ê
Reise
/ Flügel und ein von dem unseren verschiedener
Atmungsapparat, die uns erlauben würden, den unendlichen Raum zu durchmessen,
würden uns nichts nützen. Denn wenn wir Mars oder Venus besuchten und doch die
gleichen Sinne behielten, so würde diese allem, was wir sehen könnten, den
gleichen Aspekt wie den Dingen der Erde verleihen. Die einzige wahre Reise, der
einzige Jungbrunnen wäre für uns, wenn wir nicht neue Landschaften aufsuchten,
sondern andere Augen hätten, die Welt mit den Augen eines anderen, von hundert
anderen betrachten, die hundert verschiedenen Welten sehen könnten, die jeder
einzelne sieht, die jeder von ihnen ist; das aber vermögen wir mit einem
Elstir, mit einem Vinteuil und ihresgleichen, wir fliegen dann wirklich von
Stern zu Stern. (Die Gefangene. S. 366 f)
Ê
Richter / Man ist nicht sehr heikel und kein sehr guter
Richter in bezug auf das, woraus man sich nichts macht. (Im Schatten junger
Mädchenblüte S.290)
Ê Runzeln / Die Säcke
unter den Augen aber und die Runzeln der Stirn wären nichts, wenn es das Leiden
des Herzens nicht gäbe. (Die wiedergefundene Zeit S.317)
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Ê Sadismus /
Eine Sadistin wie sie ist eine Künstlerin des
Bösen, was ein durch und durch böser Mensch nicht sein könnte, denn das Böse
wäre nicht etwas, das außerhalb seiner selbst liegt, sondern vielmehr seine
eigene Natur, es unterschiede sich nicht einmal von ihm; und da er die Tugend,
das Totengedenken, die Elternliebe nicht heilig hielte, könnte er auch keine
sündige Liebe dabei finden, sie zu schänden. Sadisten vom Schlag Mademoiselle
Vinteuils sind so von Natur aus tugendhaft, daß selbst sinnliche Freuden ihnen
als etwas Böses erscheinen, als das Privileg schlechter Menschen. Und gestatten
sie sich selbst, sich ihnen einmal einen kurzen Moment lang hinzugeben,
versuchen sie, in die Haut eines solchen schlechten Menschen zu schlüpfen und
auch ihren Komplizen dazu zu bringen, um einen Augenblick lang die Illusion
gelebt zu haben, ihrer eigenen von Skrupeln geplagten und zärtlichen Seele in
die unmenschliche Welt der Lust entlaufen zu sein. (Combray S. 252,
Übersetzung von Michael Kleeberg, 2002)
Ê Schlaf /
Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen.
Manchmal, die Kerze war kaum gelöscht, fielen mir die Augen so rasch zu, daß
keine Zeit blieb, mir zu sagen: Ich schlafe ein. Und eine halbe Stunde später
weckte mich der Gedanke, daß es Zeit sei, den Schlaf zu suchen; ich wollte das
Buch fortlegen, das ich noch in Händen zu halten wähnte, und das Licht
ausblasen; im Schlaf hatte ich weiter über das eben Gelesene nachgedacht,
dieses Nachdenken aber hatte eine eigentümliche Wendung genommen: mir war, als
sei ich selbst es, wovon das Buch sprach – eine Kirche, ein Quartett, die
Rivalität zwischen Fanz I. und Karl V. (Unterwegs zu Swann / Combray S.7)
Ê
Schlaf / Ein Mensch,
der schläft, hält rings um sich die Fäden der Stunden, die Reihenfolge der
Jahre und Welten in Händen. (Combray S. 8, Übersetzung von Michael Kleeberg, 2002)
Ê Schriftsteller / Pflicht und Aufgabe eines Schriftstellers sind die eines Übersetzers. (Die wiedergefundene
Zeit S.294)
Ê Seßhaftigkeit / In gewissen
Fällen (die freilich nicht häufig sind) besteht, da Seßhaftigkeit die Tage
erstarren läßt, das beste Mittel, Zeit zu gewinnen, in einem Wechsel des Ortes. (Im Schatten junger
Mädchenblüte S. 311f.)
Ê Soziale Frage / Am Abend
saßen sie nicht im Hotel, wo die elektrischen Lampen den Speisesaal mit Licht
überfluteten, so daß dieser gleichsam zu einem riesigen Aquarium wurde, vor
dessen Glaswand die Arbeiterbevölkerung von Balbec, die Fischer und auch
Kleinbürgerfamilien unsichtbar im Dunkel sich die Nasen plattdrückten, um das
sich langsam in goldenem Hin- und Herwogen entfaltende Luxusleben aller dieser
Leute anzuschauen, das für die Armen ebenso merkwürdig wie das von seltsamen
Fischen oder Mollusken ist (eine große soziale Frage ist die, ob die Glaswand
immer das Festmahl der Wundertiere umhegen wird oder ob nicht die Leute
niederen Standes, die gierig in der Nacht mit dem Blick etwas zu erhaschen
suchen, eine Tages kommen, sie aus dem Aquarium holen und verspeisen werden). (Im Schatten junger
Mädchenblüte S. 365)
Ê Sterben / Ich gelangte
zu der Einsicht, daß Sterben nicht etwa etwas Neues ist, sondern daß ich im
Gegenteil von meiner Kindheit an schon viele Male gestorben war. (Die wiedergefundene
Zeit S. 512)
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Ê Tatsachen / Tatsachen
dringen nicht bis in die Welt vor, in der unsere Überzeugungen leben, sie haben
sie nicht hervorgerufen, sie können sie auch nicht zerstören; mögen sie sie
auch immerfort widerlegen, sie schwächen sie nicht, und eine ganze Kette von
Unglücksfällen und Krankheiten, die eine Familie heimsuchen, wird sie weder an
der Güte ihres Gottes noch an den Fähigkeiten ihres Arztes zweifeln lassen. (Combray S.
Ê Taubheit / Die Fürstin
von Taormina, die bis dahin taub dabeisaß, denn es gibt keine schlimmere
Taubheit als die, Ohren zu haben, um nicht zu hören, die Fürstin von Taormina
sogar hat angesichts dieser Wunderglocke begriffen, daß hier Musik im Gange war
und nicht eine Pokerpartie. (Die Gefangene S 410)
Ê Tee / Und genauso
wie in jenem Spiel, bei dem die Japaner sich damit amüsieren, in eine
wassergefüllte Porzellantasse kleine, formlose Papierschnipsel zu werfen, die
sich beim ersten Kontakt mit der Flüssigkeit ausdehnen, Konturen und Farben
bekommen, sich zu verschiedenen Dingen ausbilden, zu festumrissenen und
wiedererkennbaren Blumen, Häusern, Personen werden, ganz genauso sind in diesem
Augenblick alle Blumen unseres Gartens
und die des Parks von Monsieur Swann, auch die Seerosen der Vivonne,
desgleichen all die guten Leute aus dem Dorf und ihre kleinen Häuschen und die
Kirche und ganz Combray und seine Umgebung, all das, Form und Festigkeit
annehmend, Stadt wie Gärten, aus meiner Tasse Tee erstanden. (Combray S. 73, Übersetzung
von Michael Kleeberg, 2002)
Ê Tee / Inzwischen
machte mir Gilberte „meinen“ Tee. Ich trank Riesenmengen davon, wo doch schon
eine einzige Tasse mich vierundzwanzig Stunden lang nicht schlafen ließ. Meine
Mutter sagte daher auch jedesmal: „Es ist zu ärgerlich, der Junge kann nicht zu
den Swanns gehen, ohne hinterher krank nach Hause zu kommen.“ Aber wußte ich
denn überhaupt, wenn ich bei Swanns war, daß es Tee war, was ich trank? Doch
selbst wenn ich es gewußt hätte, hätte ich ihn getrunken, denn vorausgesetzt,
ich wäre mir im Augenblick lang der Gegenwart wieder bewußt geworden, so hätte
mir das noch lange nicht due Erinnerung an die Vergangenheit und die
Voraussicht auf die Zukunft wiedergegeben. Meine Einbildungskraft erstreckte
sich nicht bis zu dem entlegenen Zeitpunkt, da ich ans Zubettgehen denken und
Schlaf benötigen würde. (Im Schatten junger Mädchenblüte S.116)
Ê Tiefe der Jahre / Eine Gefühl der Müdigkeit und des Grauens befiel mich bei dem Gedanken,
daß diese ganze so lange Zeit nicht nur ohne Unterbrechung von mir gelebt,
gedacht und wie ein körperliches Sekret abgelagert worden war und daß sie mein
Leben, daß sie ich selbst war, sondern daß ich sie auch noch jede Minute bei
mir festhalten mußte, daß sie mich, der ich auf ihrem schwindelnden Gipfel
hockte und mich nicht rühren konnte, ohne sie ins Gleiten zu bringen,
gewissermaßen trug. [...] Es schwindelte mir, wenn ich unter mir und trotz
allem in mir, als sei ich viele Meilen hoch, so viele Jahre erblickte. [...]
Immerhin würde ich es zuallererst nicht unterlassen, wenn die Kraft mir lange
genug erhalten bliebe, um mein Werk zu vollenden, darin die Menschen, auf die
Gefahr hin, daß sie dann monströsen Wesen glichen, als Figuren darzustellen,
die neben dem so beschränkten Platz, der ihnen im Raum reserviert ist, einen
anderen, so beträchtlichen, im Gegensatz zum ersten maßlos in die Länge
gezogenen Platz einnehmen, da sie ja, wie in die Tiefe der Jahre getauchte
Riesen, gleichzeitig so weit voneinander entfernte Epochen berühren, die sie
durchlebt haben und zwischen die sich so viele Tage geschoben haben – einen
Platz in der Zeit. ENDE. (Die wiedergefundene Zeit S. 526 ff)
Ê Tod / Unsere Liebe
zum Leben ist nur eine alte Liaison, von der wir nicht loskommen können. Doch der Tod, der sie zerstört, wird uns von dem
Verlangen nach Unsterblichkeit heilen. (Die Flüchtige S. 341)
Ê Trauer / Gewiß sind
Trauer um eine Geliebte oder noch nachlebende Eifersucht in gleicher Weise
physische Krankheiten wie Tuberkulose oder Leukämie. (Die Flüchtige S. 339)
Ê Traum / In den
Personen, die wir lieben, verfolgen wir, ohne ihn immer genau erkennen zu
können, einen bestimmten, ihnen immanenten Traum. Der Glaube an
Bergotte und an Swann lag meiner Liebe zu Gilberte zugrunde, der Glaube an
Gilberte la Mauvais meiner Liebe zu Madame de Guermantes. Und welche
Meeresweiten waren in meiner allerschmerzlichsten, eifersüchtigsten und – wie
es schien – individuellsten Liebe, der zu Albertine, ausgespart! (Die wiedergefundene
Zeit S. 218)
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Ê Unglück / Dieses
Unglück war das größte meines Lebens. Und dennoch wurde das Leiden, das es mir
bereitete, vielleicht noch von der Neugier übertroffen, die Ursache dieses
Unglücks zu erfahren [...] (Die
Flüchtige S. 19)
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Ê Vergangenheit / Die Tage der Vergangenheit überdecken allmählich alle, die auf sie
folgen. Doch jeder Tag von früher bleibt in uns hinterlegt wie in einer
unendlich großen Bibliothek, in der auch noch von den ältesten Büchern jeweils
ein Exemplar existiert, nach dem wahrscheinlich nie ein Mensch fragen wird.
Wenn jedoch dieser alte Tag dann gleichwohl die durchsichtige Schicht der
späteren Epochen durchsteigt, wieder an die Oberfläche dringt, sich weit in uns
ausdehnt und sich über alles ergießt, nehmen die Namen von früher für einen
Augenblick ihre alte Bedeutung wieder an, die Personen ihr einstiges Gesicht,
wir unsere Seele von dazumal, und wir durchleben noch einmal unter unbestimmten,
aber erträglich gewordenen Leiden, die nicht lange andauern, jene längst schon
unlösbar gewordenen Probleme, die uns zu ihrer Zeit so sehr geängstigt haben.
Unser Ich besteht aus einer Schichtung aufeinanderfolgender Zustände. Doch
diese Schichtung ist nicht starr wie die eines Berges. Immer wieder führen
Aufbrüche im Inneren alte Lagen an die Oberfläche empor.
Ê Vergangenheit / Diese Momente der Vergangenheit aber sind nicht unverrückbar; sie
behalten in unserem Gedächtnis die Bewegung bei, die sie der Zukunft
entgegentrug - einer Zukunft, die dann ihrerseits Vergangenheit geworden war -
und uns mit sich zog. (Die Flüchtige, S.110)
Ê Vergessen / Meine Liebe
aber sah damit den einzigen Feind vor sich, von dem sie besiegt werden konnte:
das Vergessen; und sie begann zu zittern wie ein Löwe, der in dem Käfig, in den
man ihn gesperrt hat, plötzlich die Pythonschlange erblickt, die ihn
verschlingen wird. (Die Flüchtige S.50)
Ê Vergessen / Jenes
Monstrum, bei dessen Auftauchen meine Liebe erschauert war, das Vergessen,
hatte genauso, wie ich geglaubt hatte, diese schließlich verschlungen. (Die Flüchtige S.338)
Ê Verlorene Zeit / Es gibt optische Täuschungen in der Zeit ebensogut wie im Raum. Daß in
mir die alten Anwandlungen zu arbeiten, die verlorene Zeit aufzuholen, ein
anderes, überhaupt erst das richtige Leben anzufangen, auch weiterhin
bestanden, schenkte mir die Illusion, ich sei noch immer unverändert jung; (Die Flüchtige S.265)
Ê Verstand / Doch kann der
Verstand, wie hellsichtig er auch sein mag, die Elemente nicht wahrnehmen, aus
denen das Herz besteht [...] (Die Flüchtige S.8)
Ê Vorstellungsvermögen / Doch im Austausch gegen das, was unsere Einbildungskraft uns vergebens
erwarten läßt und was wir umsonst so mühevoll zu entdecken bestrebt sind,
schenkt das Leben uns etwas, das weit über unser Vorstellungsvermögen
hinausgeht. (Die
Flüchtige S.128)
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Ê
Wahrheit / Die Wahrheit und das Leben sind beide schwer zu
bewältigen, und ich behielt von ihnen, ohne daß ich sie wirklich kennengelernt
hätte, einen Eindruck zurück, bei dem vielleicht die Erschöpfung die Trauer
überwog. (Die
Flüchtige S.309)
Ê
Wahrnehmung / Ich habe
gleichwohl gesagt, daß sie reizend
war, wenn sie eine Erzählung erfand, die keinen Zweifel zuließ, denn man
sah dann die – gleichwohl rein imaginäre – Sache vor sich, die sie sagte, wobei
man sich zum Sehen ihrer Worte bediente. Sie schufen meine Wahrnehmung. (Die Gefangene S 269)
Ê
Wände der Zeit / Denn der Mensch ist ein Wesen ohne festes
Lebensalter, ein Wesen, das die Fähigkeit besitzt, in wenigen Sekunden um Jahre
jünger zu werden, und das innerhalb der Wände der Zeit, in der es gelebt hat,
auf und ab schwebt wie in einem Bassin, dessen Spiegel unaufhörlich auf und
nieder steigt und es bald auf die Höhe dieser, bald auf die Höhe jener Epoche
trägt. (Die Flüchtige S.295)
Ê WC / Die feuchten,
alten Mauern des Eingangsraums, in dem ich auf Francoise wartete, hauchten eine
muffige Frische aus, die mir auf der Stelle die Sorgen, die mich aufgrund der
mir durch Gilberte mitgeteilten Worte Swanns befallen hatten, weniger drückend
erscheinen ließ und mir eine Lust bereitet, die nicht wie gewisse andere war,
die uns nur unausgeglichener zurücklassen, unfähig, sie zu erhalten oder sie
ganz zu eigen zu machen, sondern vielmehr in einem soliden Genuß bestand, an
dem ich mich festhalten konnte, köstlich, friedvoll und mit einer stetigen,
unerklärten und doch zuverlässigen Wahrheit erfüllt. Ich hätte gern, wie früher
auf meinen Spaziergängen in der Gegend von Guermantes, den Versuch gemacht, in
den Zauberdieses Zustands tiuefer
einzudringen, der über mich gekommen war, und unbeweglich diese Modergerüchlein
zu erforschen, das mich einlud, nicht die Lust auszukosten, die es mir gleichsam nur als Zugabe bereitete, sondern
die Wirklichkeit zu ergründen, die es mir noch nicht entdeckt hatte. Doch die
Pächterin des Etablissements, eine alte Dame mit dickgepuderten Wangen und
einer roten Perücke, begann mit mir zu reden. (Im Schatten junger Mädchenblüte S.95) Auf dem
Heimweg stand mir in plötzlichem Erinnern das bislang verborgene Bild vor
Augen, das mir, ohne daß ich es klar gesehen oder wiedererkannt hatte, in der
nach Ruß riechenden Frische des umrankten Pavillons so nahe gewesen war. Es war
das Bild des kleinen Ruhegemachs meines Onkels Adolphe in Combray, das
tatsächlich den gleichen dumpfen, feuchten Geruch an sich gehabt hatte. Doch
konnte ich nicht begreifen und hob mir für später auf, darüber nachzudenken,
wieso die Erinnerung an so ein unbedeutendes Bild mir solches Glück geschenkt
hatte. (Im
Schatten junger Mädchenblüte S.98)
Ê
Weißdornbusch
/ Aber wie lange
ich auch vor den Weißdornbüschen verharrte und ihren unsichtbaren und in der
Luft stehenden Geruch einatmete, mit meinen Gedanken zu fassen versuchte, die
nichts mit ihm anzufangen wußten, ihn verlor, wiederfand oder in den Rhythmus
einfiel, der seine Blütenblätter hier und da mit jugendlicher Beschwingtheit
und in unerwarteten, bestimmten musikalischen Intervallen gleichenden Abständen
hin- und herschwenkte, sie spendeten in steter und unermüdlicher,
verschwenderischer Fülle ihren immergleichen Zauber, ohne mir jedoch zu
gestatten, tiefer in ihn zu dringen, ähnlich wie bestimmte Melodien, die man
hundertmal nacheinander spielen kann, ohne doch ihrem Geheimnis irgend näher zu
kommen. Einen Moment lang wandte ich mich von ihnen ab, um mich ihnen hinterher
mit frischen Kräften erneut nähern zu können. Spielerisch verfolgte ich bis zu
der Böschung, die hinter der Hecke steil zu den Feldern hin anstieg, eine hier
und da verloren stehende Mohnblume oder eine müßige, am Weg zurückgebliebene Kornblume,
deren Blüten den Hang dekorierten wie die Bordüre eines Teppichs, auf der das
ländliche Motiv noch sehr zurückhaltend dargestellt ist, das dann auf dem
großen Medaillon triumphiert; vereinzelt noch und weit auseinander stehend wie
abgelegene Häuser, die bereits die Nähe des Dorfs ahnen lassen, kündeten sie
mir von den immensen Weiten, über die der Weizen wogt und die Schäfchenwolken
ziehen, und der Anblick einer einzigen Mohnblume, die ihre rote Flagge über die
Toppen hißte und hoch über ihrem fettglänzenden, schwarzen Schanzkleid im Wind
knattern ließ, ließ mein Herz höher schlagen, ganz wie dem Reisenden, der auf
dem platten Land ein erstes gestrandetes Boot entdeckt, das von einem
Kalfaterer repariert wird, und ausruft, bevor er es selbst noch gesehen hat:
»Das Meer! «. (Combray
S. 212f., Übersetzung von Michael Kleeberg, 2002)
Ê
Welt / Die Erschaffung der Welt hat nicht am Anfang
stattgefunden, sie findet alle Tage statt. (Die Flüchtige S.377)
Ê
Welt / Die Welt ist für uns alle wahr und für einen jeden
verschieden. (Die
Gefangene S. 265)
Ê
Welt / Nicht eine Welt, sondern Millionen von Welten, fast
ebenso viele, wie es Augenpaare und menschliche Hirne gibt, erwachen jeden
Morgen.
(Die Gefangene S.268)
Ê Weltraumfahrt / Flügel und ein von dem unseren verschiedener
Atmungsapparat, die uns erlauben würden, den unendlichen Raum zu durchmessen,
würden uns nichts nützen. Denn wenn wir Mars oder Venus besuchten und doch die
gleichen Sinne behielten, so würde diese allem, was wir sehen könnten, den
gleichen Aspekt wie den Dingen der Erde verleihen. Die einzige wahre Reise, der
einzige Jungbrunnen wäre für uns, wenn wir nicht neue Landschaften aufsuchten,
sondern andere Augen hätten, die Welt mit den Augen eines anderen, von hundert
anderen betrachten, die hundert verschiedenen Welten sehen könnten, die jeder
einzelne sieht, die jeder von ihnen ist; das aber vermögen wir mit einem
Elstir, mit einem Vinteuil und ihresgleichen, wir fliegen dann wirklich von
Stern zu Stern. (Die Gefangene. S. 366 f)
Ê Wirklichkeit / Nichts
vermittelt uns vielleicht so den Eindruck der außerhalb von uns bestehenden
Wirklichkeit wie der Wechsel der Position, den sogar eine unbedeutende Person
vor und nach dem Augenblick unserer Bekanntschaft mit ihr aus unserer
Perspektive erfährt. (Im Schatten junger Mädchenblüte S.343)
Ê Wunder / Wenn man sich
am Rand des Abgrunds sieht und meint, Gott habe einen verlassen, zögert man
nicht mehr, von ihm ein Wunder zu erwarten. (Die Flüchtige S.30)
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Ê
Zeichen / Kurz und gut, in dem einen wie dem anderen Fall, ob es
sich nun um Eindrücke wie demjenigen beim Anblick der Kirchtürme von
Martinville oder um Reminiszenzen wie bei der Ungleichheit der beiden
Steinplatten handelt oder dem Geschmack der Madeleine, ich mußte versuchen, die
Empfindungen als die Zeichen ebenso vieler Gesetze und Ideen zu deuten, indem
ich zu denken, das heißt aus dem Halbdunkel hervortreten zu lassen und in ein
geistiges Äquivalent umzusetzen versuchte, was ich empfunden hatte. (Die wiedergefundene Zeit S.276)
Ê
Zeit / Die Zeit vergeht, und allmählich wird alles wahr,
was man erlogen hatte; (Die Flüchtige S.66)
Ê
Zeitungen / Man liest eben Zeitungen, wie man liebt: mit
verbundenen Augen. Man versucht den Dingen nicht auf den Grund zu gehen. Man
hört die süßen Reden des Chefredakteurs mit an, wie man den Worten seiner
Geliebten lauscht. (Die wiedergefundene Zeit S.86)
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